Muay Thai – Die Entwicklung zum modernen Kampfsport

Emerald Gym, Ao Nang.
Emerald Gym, Ao Nang.

Anfang des 20. Jahrhunderts erhielt Muay Thai seine moderne Ausprägung. Es wurden Boxhandschuhe, Gewichtsklassen, Runden auf Zeit und ein offizielles Regelwerk eingeführt. Die klassische Form des Thaiboxens wurde von der geregelten, sportiven Variante begrifflich abgegrenzt – es wurde nun Muay Boran („altes Boxen“) genannt.

Im modernen Sport wurden einige Traditionen beibehalten:

Zu den Kämpfen wird Musik auf Flöten und Trommeln gespielt.  Wenn die Streiter zum Boxring gehen, tragen sie einen Kopfschmuck, ein Mongkon, das das Gym symbolisiert, für das der Athlet antritt.

Thaiboxer betreten den Ring über das oberste Seil, da der Kopf in der Thaikultur als beinahe „heilig“ gilt und symbolisch hochgehalten werden soll.

Im Ring wird der traditionelle Tanz aufgeführt, der Wai Kru. Dieser soll dem Sportler die Chance zur Einkehr und Konzentration bieten und den Trainern gegenüber Respekt bekunden.

Muay Thai ist der Sport der ärmeren, bäuerlichen Bevölkerung. Die meisten Thaiboxer stammen aus dem wirtschaftlich schwächsten Teil des Landes, der Isan-Region. Der Kampfsport bietet eine Möglichkeit Geld zu verdienen. Die Preisgelder in den ländlichen Gebieten reichen von 100 Baht bis hin zu mehreren 10.000 Baht.

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In den Stadien werden höhere Börsen ausgezahlt. Die prestigeträchtigsten Arenen befinden sich in Bangkok, wie das Lumpini Stadium.

Menschen aus der Ober- und Mittelschicht betätigen sich selten im Muay Thai. Es scheint, als ob sich die Kampfsportinteressierten aus der Mittelklasse im Moment eher für Taekwondo interessieren, das in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebte. Die koreanische Kampfkunst verspricht internationalen Flair und ist zugleich eine Abgrenzung gegenüber dem Sport der Arbeiterklasse.

Das Thaiboxen muss nicht nur bei den aktiven Kämpfern mit anderen Sportarten konkurrieren. Auch die Gunst der Zuschauer ist nicht ungeteilt. Die treuesten Anhänger findet das Muay Thai bei den älteren Menschen. Die jüngeren Thais sind kosmopolitischer und vor allem Fußball erfreut sich großer Beliebtheit.

Trotz allem ist Muay Thai ein wichtiger Bestandteil der thailändischen Kultur. Das Land bringt eine Vielzahl an talentierten Kämpfern hervor, von denen einige, wie Buakaw und Saenchai, weltweit bekannt sind.

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Ruerngsa, Yod; Charuad, Khun Kao; Cartmell, James: Muay Thai – The Art of Fighting (PDF)

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Muay Thai – Die Geschichte der alten Kampfsportart

Ayutthaya

Ayuttaya – mit den Spuren der Verwüstung durch die birmanischen ErobererDer Legende nach ist Nai Khanom Tom der Vater des modernen Muay Thai. Er war ein einfacher Soldat, der beim Fall Ayutthayas 1767 nach Myanmar verschleppt wurde. Einige Jahre später, 1774, ließ der burmesische König Mangra eine mehrtägige Feier ausrichten, bei der einheimische gegen siamesische Kämpfer antreten sollten.

Nai Khanom Tom bekam einen Gegner zugeteilt. Vor Kampfbeginn führte der Thai einen traditionellen Tanz auf, um seinen Trainer zu ehren und irritierte damit die Burmesen, die diese Riten nicht kannten. Der Schiedsrichter gab das Startzeichen und Nai Khanom Tom konnte seinen Widersacher binnen kurzer Zeit besiegen. Die Burmesen beklagten, dass ihr Boxer von dem Tanz abgelenkt wurde, und forderten den Thai zu einem weiteren Kampf. Doch mit seinen überlegenen kämpferischen Qualitäten konnte Nai Khanom Tom insgesamt zehn burmesische Fighter in Folge niederzwingen.

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König Mangra war vom Muay Thai begeistert und belohnte den Kämpfer mit zwei Gattinnen, mit denen er zurück nach Siam reisen durfte.

Auch wenn diese Legende sehr populär innerhalb und außerhalb von Thailand ist, können die Historiker sie nicht verifizieren. Auffällig ist, dass hier im Gegensatz zur gewöhnlichen siamesischen Geschichtsschreibung kein Adliger im Mittelpunkt steht, sondern ein einfacher Bürger. Vielleicht steht dieser Mythos im Zusammenhang mit der schmerzlichen Zerstörung von Ayutthaya, als ein Vorwurf gegen die schwache Führung der Elite.

Wie sich das Muay Thai tatsächlich entwickelt hat, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Die Herkunft aus der Kriegskunst kann nicht belegt werden. Möglicherweise findet sich der Ursprung ganz woanders. Aus den Chroniken vom 13. bis zum 18. Jahrhundert und aus alten Reiseaufzeichnungen lässt sich erkennen, dass Kämpfe zur Unterhaltung durchgeführt wurden – oftmals in Verbindung mit Wetten.

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Ruerngsa, Yod; Charuad, Khun Kao; Cartmell, James: Muay Thai – The Art of Fighting (PDF)

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Bahasa Indonesia – die Sprache Indonesiens

Am 28. Oktober 1928 trafen sich 70 junge Nationalisten in Batavia, um unter dem Motto “ein Land, eine Nation, eine Sprache” den Weg Richtung Unabhängigkeit einzuschlagen. Doch welche Sprache sollte man wählen? Auf den vielen Inseln des 1.900.000 km² großen Landes werden noch heute ca. 700 Sprachen gesprochen – das sind ca. 10% aller Sprachen weltweit. Obwohl die meisten Revolutionäre von der Insel Java stammten, entschieden sie sich gegen Javanisch. Die Wahl fiel auf die schon zuvor grenzüberschreitend gebrauchte Sprache des Nachbarstaates Malaysia: Malaiisch.

Die neue Sprache wurde mit der Unabhängigkeit im Jahre 1945 Indonesisch genannt. Zunächst wurde die neue Hochsprache im schriftlichen Verkehr gebraucht. Über Schule, Literatur und Medien verbreitete sich sich schnell und wurde von der Bevölkerung gut angenommen. Dennoch ist “Bahasa Indonesia” für die meisten Menschen im Land nur die Zweit- oder Drittsprache; zuerst wird die lokale Muttersprache erlernt.

In Malaysia entwickelte sich die Sprache anders als in Indonesien. Durch die britische Besatzung wurde Englisch zur Nationalsprache. 1957 konnte Malaysisch diesen Status wiedererlangen, wurde allerdings mit unzähligen Neologismen angereichert.

Auch in Indonesien veränderte sich die Sprache. Allerdings wurden hier vermehrt Lehn- und Fremdwörter aus dem Niederländischen eingeführt.

1972 folgte eine große Rechtschreibreform. Die Indonesier nutzen von da an, wie die Malaien, das lateinische Alphabet, anstatt der zuvor genutzten erweiterten Version der arabischen Schriftzeichen. So konnten die Schreibweisen von “Bahasa Indonesia” und “Bahasa Malaysia” angeglichen werden.

Literatur: 

Schott, Christina: Indonesien – Ein Länderporträt. Berlin, 2015.

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Die ersten Kulturen (Geschichte Vietnams 1)

Prähistorische Jäger
Prähistorische Jäger. Gemälde im Historischen Museum in Hanoi (Foto: Wikimedia Commons, HappyMidnight)

Die ersten menschlichen Artefakte, die in Vietnam gefunden wurden, stammen von der „Sơn Vì“-Kultur aus der Altsteinzeit. In einem weit verstreuten Gebiet an insgesamt 230 Orten hinterließen sie Spuren – von Phú Thọ nordwestlich von Hanoi bis tief in den Süden nach Lâm Đồng, das ca. 100 km nordöstlich von Ho Chi Minh City liegt. Doch auch außerhalb von Vietnam lebten diese Altsteinzeiteinwohner. Sowohl in Südchina als auch in Thailand finden sich Hinweise auf sie.

Die erhaltenen Skelette weisen durchgehend australoide Merkmale auf. Das bedeutet, dass es noch keine Durchmischung mit Völkern aus dem Norden gab.

Die Hinterlassenschaften in Höhlen geben einen kleinen Einblick in die Lebensweise der Frühmenschen. Typisch war eine zentrale Feuerstelle. Dort entdeckten Forscher Asche von verbranntem Holz und zerbrochene Werkzeuge. Am Rande lagen tierische Überreste, wie Knochen, Zähne und Muschelschalen.

Das Klima war zwar leicht kühler als heutzutage, doch den Jägern und Sammlern bot sich dennoch ein umfangreiches Angebot. Neben pflanzlichen Nahrungsmitteln wurden allerlei verschiedene Tiere gejagt. Rotwild, Elefanten, Wildschweine, Affen, Füchse, Tiger und andere Wildkatzen lieferten den Frühmenschen große Mengen Fleisch. Doch auch kleine Happen, wie Bergschnecken, wurden nicht verpönt. Das Meer und die Flüsse lieferten Fische und Weichtiere, wie Herzmuscheln und Austern.

Die Neusteinzeit beginnt mit der „Hòa Bình“-Kultur. Die Bekanntheit dieser Kultur ist mit ihrer Entdeckerin verknüpft. Die zur Archäologie gewechselte Botanikerin Madeleine Colani war die einzige weibliche Spezialistin im Bereich der französischen Kolonialarchäologie. Ihrer Entdeckung folgten viele weitere: alleine 120 Fundstellen in Vietnam konnten zugeordnet werden. Auch außerhalb des Landes, in Kambodscha, Laos, Thailand, Myanmar, Sumatra und Australien hinterließen die Hòa Bình ihre Spuren.

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Sie stammten aus einem anderen Kulturkreis als die Sơn Vì. Mit Blick auf die mongoliden Skelette der Hòa Bình  liegt eine Verwandtschaft zu chinesischen oder tibetischen Völkern nah. Ihre Lebensführung unterschied sich ebenfalls zur Altsteinzeit.

Sie nutzen feiner ausgearbeitete Steinwerkzeuge und erschlossen neue handwerkliche Bereiche, wie die Töpferei. Erste Töpferwaren mit Verzierungen tauchten auf und beweisen, dass die Menschen nicht nur reine, funktionale Gebrauchsgüter schaffen wollten. Mit Schnüren wurden Muster in den Ton gekerbt. Nach diesem Verfahren werden die Stücke als Schnurkeramiken bezeichnet.

Die Hòa Bình waren keine reinen Jäger und Sammler mehr. Sie nutzen einfache Formen der Landwirtschaft und bauten Gemüse, Fruchtbäume und Reis an. Auch im Bereich der Tierhaltung wurden erste Schritte unternommen und Hunde gezähmt.

Die weitere Ausbreitung der „Hòa Bình“-Kultur wurde durch den Klimawandel verhindert. Als vor ca. 8.000 Jahren die Eiszeit endete und die Eisdecken schmolzen, stieg der Meeresspiegel weltweit an. Große Teile des Sunda-Kontinents versanken im Meer. Siedlungsgebiete wurden überschwemmt und die Wanderung zwischen Nord und Süd wurde erschwert. Es entstanden Risse in der Erdkruste und häufige Erdbeben und Tsunamis waren die Folge.

Mit dem verlorenen Lebensraum verschwanden auch viele Zeugnisse der alten Kulturen im ansteigenden Meer. Die heute in den Museen und Sammlungen zu sehenden Gegenstände stammen aus den höher gelegenen Regionen, die durch ihre Lage vor dem Wasser geschützt waren.

Tabelle: Frühe Kulturen in Vietnam
Die Jahreszahlen weichen je nach Quelle ab und sollten daher nur als ungefährer Anhaltspunkt dienen. Die Namensgebung der Kulturen richtet sich nach dem jeweils ersten Fundort.

Steinzeit
30.000 v.u.Z. Dieu
21.000-9.000 v.u.Z. Sơn Vì
16.000-5.500 v.u.Z. Hòa Bình
8.000-5.000 v.u.Z. Bắc Sơn
4.000-2.000 v.u.Z. Đa Bút
Bronzezeit
2.000-1.500 v.u.Z. Phùng Nguyên
2.000 v.u.Z. Hạ Long
1.000-700 v.u.Z. Gò Mun
1.000 v.u.Z. Đông Sơn
Eisenzeit
2.000 v.u.Z. – 200 Sa Huỳnh
2.000 v.u.Z. Đông Nai

Mit dem sich zurückziehenden Schmelzwasser entstanden neue Kulturen in Vietnam. Die Bronzezeit, die ungefähr 2.000 Jahre vor der Zeitenwende einsetzte, brachte den nächsten Techniksprung. Die „Phùng Nguyên“-Kultur hinterließ höherwertige Handwerksstücke. Dazu zählen Töpferwaren, Schmuck, Pfeile, Lehmskulpturen. Es wurden Spulen und Weberschiffchen aus Keramik gefunden, die beweisen, dass bereits Kleidung gewebt wurde.

Die wahrscheinlich bekannteste Bronzezeit-Kultur sind die „Đông Sơn“. Sie hatten ihre Hochphase von ca. 1.000 v.u.Z. bis ins erste Jahrhundert n.u.Z.. Die Ausbreitung war weit über Vietnam hinaus; sogar in Myanmar zeigt sich eine ähnliche Kultur. Das Besondere an den Đông Sơn waren die feinen Bronzearbeiten. Viele Gegenstände wurden aus diesem Material gefertigt: u.a. wurden Trommeln, Werkzeuge, Gefäße und Waffen gefunden.

Literatur:
Vu Hong Lien; Sharrock, Peter: Descending Dragon, Rising Tiger. London, 2014.



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Die Nachkriegszeit (Geschichte Thailands 11)

Der junge thailändische König Ananda Mahidol, Rama VIII., hatte sich zu Kriegszeiten in Europa aufgehalten. Zusammen mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Bhumibol besuchte er in der Schweiz die Schule. Die beiden Jungen verstanden sich gut. Sie lernten Deutsch und Latein und hatten dieselben Interessen wie die europäischen Jugendlichen: vom Sammelbilder sammeln bis hin zum Skifahren in den Alpen. Während Bhumibol wenig Druck hatte und Zeit für Hobbys wie Fotografieren fand, erhielt Ananda eine strengere Ausbildung, um ihn für die Regentschaft zu rüsten.

Nach langen Jahren in der Fremde wurde Ananda mit seinem Anhang im Dezember 1945 zurück nach Thailand gerufen. Am Flughafen Don Mueang empfing Pridi sie. Auf dem Weg in die Innenstadt jubelten ihnen große Menschenmengen zu.

Thailand schien nach den Kriegsjahren den Weg zurück in die Normalität gefunden zu haben. Der König reiste viel, um das Land besser kennenzulernen. Auf diesen Touren fand der König ein neues Hobby: Schusswaffen.

Eine davon sollte ihm zum Verhängnis werden. Am 9. Juni, zur Frühstückszeit, hallte ein Schuss durch den königlichen Palast. Bhumibol eilte mit einigen Dienern in Richtung des Knalls und entdeckte seinen Bruder tot im Pyjama, mit einem Colt neben ihm liegend. Ein einzelner Schuss hatte ihn getötet.

Die Hintergründe des Todes bleiben unklar. Es kursierten mehrere Vermutungen:

– Ananda und Bhumibol hatten geladene Waffen neben dem Bett liegen. Eventuell hat sich Ananda beim Spielen mit der Pistole selbst erschossen.

– Vielleicht könnte Bhumibol in dem Fall involviert sein – evtl. ein Unfall mit seiner Beteiligung?

– Es könnte ein Mordkomplott gewesen sein. Allerdings spricht dagegen, dass der König seine Ausbildung noch nicht komplett abgeschlossen hatte und er sehr vorsichtig agierte. Es gab für politische Gegner kein Motiv, zu solchen Mitteln zu greifen.

Es gab einige wissenschaftliche Untersuchungen zu dem Fall, doch keine konnte Aufklärung bringen. Der Tod des Regenten bleibt mysteriös.

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Bhumibol wurde als nächster geeigneter Verwandter zum neuen König. Aus dem fröhlichen jungen Mann, der gerade fünf seiner 18 Lebensjahre in Thailand verbrachte und europäischen Autos und amerikanischer Musik näher stand als den thailändischen Kulturgütern, wurde Rama IX.

Der Tod des Königs wurde als Signal für die Politik aufgefasst. Die verschiedenen Parteien rangen von Neuem um die Vorherrschaft. Nach vielen Wirrungen konnte sich Phibun im Jahre 1948 wieder die Macht sichern. Er wurde von den Alliierten zwar als Kriegsverbrecher angesehen, doch im beginnenden Kalten Krieg wurde er auch als verlässlicher Partner gegen die wachsenden kommunistischen Kräfte Asiens aufgefasst. Phibun forderte von den Thais, stärker nach materiellem Besitz zu streben – das war ein Zeichen, um sich gegenüber den kommunistischen Ideen abzusetzen.

Thailand blieb die nachfolgenden Jahre auf amerikanischen Kurs und wurde von den USA finanziell belohnt. Im Korea-Krieg stellte das Land 4.000 Soldaten ab und unterstützte die anti-kommunistischen Regierungen in Vietnam und Laos. 1954 trat Thailand dem Südostasienpakt (SEATO) bei, dem pazifischen Gegenstück zur NATO. Die einzigen südostasiatischen Staaten in dieser Organisation waren die Philippinen und Thailand. Hinzu kamen Pakistan und westliche Staaten.

König Bhumibol
Krönung von Bhumibol am 5. Mai 1959 (Foto: Wikimedia Common, gemeinfrei)

1957 wurde Phibun aus dem Amt geputscht. General Sarit errichtete ein autoritäres Regime. Obwohl er nach fünf Jahren im Amt verstarb, sollte Thailand anschließend noch eine Dekade benötigten, um zu einer demokratisch-parlamentarischen Ordnung zurückzukehren.

Sarit war im Gegensatz zu den Machthabern vergangener Zeiten, wie Pridi und Phibun, kaum mit dem Westen in Berührung gekommen. Er führte den Staat ausschließlich mit Blick auf die thailändischen Traditionen. Gegner wurden hart angegangen und grundsätzlich als Kommunisten betrachtet. Es gelang ihm, die politischen Spannungen zu beenden und Ruhe in das Land zu bringen. In der Bevölkerung wurde honoriert, dass er den König respektvoll behandelte und die buddhistischen Klöster förderte.


Unter Sarit florierte die Wirtschaft. Das Wachstum betrug seit dem Ende der 50er Jahre sieben Prozent. Der Nachfolger Sarits, Thanom Kittikachorn, schlug ebenfalls einen ökonomisch erfolgreichen Pfad ein: Er verstand es, ausländisches Kapital für die einheimischen Firmen zu akquirieren. Ausländische Güter und Gedanken fanden den Weg nach Thailand und veränderte die Gesellschaft. Viele junge Thais studierten in westlichen Ländern und lernten so fremde Kulturen kennen.

Im 2. Indochina-Krieg unterstütze Thailand die USA bei den Kämpfen in Vietnam und Laos. Die Amerikaner befürchteten, dass ein kommunistisches Indochina Thailand und Malaysia gefährden würde und damit auch Rohstoffe wie Zinn und Kautschuk unter falscher Kontrolle gelangen könnten.

Zeitweise befanden sich 45.000 amerikanische Soldaten und 600 Kampfflugzeuge auf thailändischem Gebiet. Doch trotz der eindrucksvollen Streitmacht wurde im Verlaufe der Jahre klar, dass die USA nicht in der Lage waren, den Krieg zu ihren Gunsten zu entscheiden. In Thailand nahm die Opferbereitschaft ab und Kritik wurde laut. Zu diesen Verstimmungen fanden sich weitere Gründe zum Missmut: Das Wirtschaftswachstum verlangsamte sich, der Bevölkerungsanstieg führte zur Landflucht und städtischer Armut und eine Reihe weiterer sozialer Probleme traten auf.

1971 löste Thanom das Parlament auf und verbot die Parteien – eine Reaktion auf die wachsenden politischen Spannungen im Land. Doch das heizte die Unzufriedenheit an. Zwei Jahre später demonstrierten in Bangkok 500.000 Menschen für eine demokratische Verfassung. Am 14. Oktober 1973 eröffneten die Regierungstruppen auf die Protestierenden das Feuer. Über 70 Demonstranten verloren ihr Leben.

Die Tragödie rief den König auf den Plan. Er nutzte seine Autorität, um Thanom und seine Herrschaftsriege in die Schranken zu weisen. Sanya Dhammasakdi, ein Jurist und frommer Buddhist, wurde neuer Premierminister. Für die Verabschiedung einer demokratischen Verfassung wurde ein Wahlkomitee aus allen Bevölkerungsschichten bestimmt.

Diese Machtdemonstration von Bhumibol bewies die gestiegene Macht des thailändischen Königshauses. Es zeigte sich aber auch, dass Bhumibol bescheiden blieb und die demokratische Bewegung stärkte.

Die nachfolgenden drei Jahre wurden als „demokratische Periode“ bekannt. Die Vorgänge in Thailand erinnerten an das durch die 68er-Bewegung geprägte Europa: Neben den emanzipatorischen Initiativen, die für mehr Freiheit und Demokratie eintraten, schlugen einige radikale Gruppen einen maoistischen Weg ein.

Durch die Erfolge der Kommunisten in Vietnam, Kambodscha und Laos, wurde die Lage in Thailand explosiv. Es bildeten sich nationalistische Gegenbewegungen, wie Nawaphon („neue Kraft“) und die Dorfpfadfinderbewegung.

Als bei einer Theateraufführung der Kronprinz verunglimpft wurde, stürmten wütende Dorfpfadfinder zusammen mit der Polizei die Universität. Bei den blutigen Auseinandersetzungen starben 43 Studenten und zwei Polizisten. Es wurden massenhaft Verhaftungen durchgeführt und mancher Student floh in den kommunistischen Untergrund.

In den 80er Jahren beruhigte sich die Lage. Die linken Gruppierungen waren geschwächt und eine Generalamnestie führte dazu, dass die Aktivisten in die Gesellschaft zurückkehren konnten.

Im Dezember 1991 wurde die Sowjetunion aufgelöst. Der Kalte Krieg endete.

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Teil 10: Kriege und Aufstände in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts

 



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Kriege und Aufstände in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Geschichte Thailands 10)

Grand Palace, Bangkok
Grand Palace, Bangkok

1910 verstarb Chulalongkorn und Vajiravudh, Rama VI., folgte auf dem Thron. Der neue König setzte kurz nach Amtsantritt viele Reformen im gesellschaftlichen Bereich um: Neben dem buddhistischen Kalender galt nun auch der Gregorianische; Familiennamen wurden eingeführt, die oftmals aus dem Sanskrit oder Pali entlehnt wurden.

Der König, der eine englische Universität besucht hatte, förderte zwar einzelne westliche Kulturgüter, wie beispielsweise die Mode, doch setzte er auf eine eigene, thailändische Identität.

Der Vielvölkerstaat aus Siamesen, Laoten, Tai Yuan, Khmer, Malaien und Chinesen sollte unter der Trinität Nation, Buddhismus und König geeint werden. Ein neuer Nationalismus entstand, den Rama VI. mit Gedichten, Zeitungsartikeln, Liedern und Reden anheizte.

Die Haltung des Königs gegenüber dem chinesischen Bevölkerungsanteil war widersprüchlich. Auf der einen Seite veröffentlichte er unter einem Pseudonym einen Zeitungsartikel, indem er die Chinesen als „Juden des Ostens“ bezeichnete und mit negativen Attributen, wie geldgierig und opportunistisch, belegte. Auf der anderen Seite sind auch freundliche Worte des Königs über die Chinesen überliefert.

Thailand war chronisch unterbevölkert und auf Zuwanderung angewiesen. Die chinesischen Zuwanderer erschienen ihm im Vergleich zu anderen möglichen Immigranten als am besten in die thailändische Kultur integrierbar. Ihre Einwanderung wurde gefördert, doch mussten die Chinesen sich zum König bekennen, die thailändische Sprache nutzen und ihre Familiennamen thaiisieren lassen.

Der 1. Weltkrieg brach aus. Zunächst blieb Thailand neutral, doch kurz nach Kriegseintritt der USA im Juli 1917 erklärte es dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn den Krieg. Einige Soldaten wurden nach Frankreich abgestellt und deutsches Eigentum in Thailand beschlagnahmt. Die deutschen Mitarbeiter der Administration wurden entlassen.

Der thailändische Außenminister Prinz Devawongse Varopakar nutze die Friedenskonferenz in Versailles, um auf Augenhöhe mit den westlichen Mächten verhandeln zu können. Als Berater stand ihm Francis B. Sayre zur Seite, dem Schwiegersohn des damaligen amerikanischen Präsidenten, Woodrow Wilson. Nach vielen Jahren der Verhandlungen gelang es den Thailändern die ungleichen Verträge, die ihnen von den westlichen Staaten und Japan aufgedrängt wurden, außer Kraft zu setzen: Alle Länder verzichteten auf ihre exterritorialen Ansprüche und Siam machte einen großen Schritt in die Unabhängigkeit.


Die Wirtschaftskrise von 1929 erschütterte Thailand. Auf dem Weltmarkt sank der Reispreis stark; dadurch waren viele Bauern nicht mehr in der Lage ihre Verbindlichkeiten zu begleichen und mussten ihr Land verkaufen. Die Bodenpreise fielen. Dieser Abwärtsstrudel traf die Steuereinnahmen – der Staatshaushalt wurde um ein Drittel gekürzt.

Der Unmut wuchs in der Bevölkerung und 1932 kam es zum Staatsstreich. Eine Gruppe von Offizieren und zivilen Autoritäten erkämpfte eine Neuordnung des Staates. Der König verlor einen Großteil seiner Befugnisse und behielt in erster Linie seine repräsentative Funktion. Die Gesetzgebung wurde an eine Volksversammlung delegiert, die anfangs benannt, später aber gewählt wurde. Die neue Verfassung schaffte es nicht, dem Land Stabilität zu geben. Es folgte eine politisch ungeordnete Phase mit weiteren Putschen. Rama VII. dankte 1935 freiwillig ab, da er sich nicht mehr in der Lage sah, in dem Chaos seine Ideen umsetzen zu können.

Im Jahre 1934 übernahm Phibun Songkhram die Macht im Land. Er errichtete ein nationalistisches Regime, das an die anderen autoritären Systeme dieser Zeit erinnerte: Die Vergangenheit wurde verherrlicht, das Militär gestärkt und die Nachbarländer bedroht.

Aus der nationalistischen Zeit stammen einige sprachliche Neuerungen, die noch heute im Gebrauch sind:

Siam wurde in Thailand umbenannt und verdeutlichte damit den Anspruch, das Land aller Tai-Völker zu sein.

Es sind die geschlechtsspezifischen Höflichkeitspartikel „khrap“ für Männer und „khap“ für Frauen beibehalten worden, die thailändischen Sätzen beigefügt werden können.

Die Grußformel „sawatdi“ ist ein Lehnwort vom Sanskrit-Wort „savit“ und kann mit „Heil“ wieder gegeben werden.

Im 2. Weltkrieg suchte Thailand die Nähe zu Japan. Phibun war der Meinung, dass sich eine neue Weltordnung herausbilden würde: Kleine Staaten würden verschwinden und große Machtblöcke entstehen. Daher versuchte die Führung, die zwischen 1893 und 1909 an Frankreich und England abgetretenen Gebiete, u. a. in Kambodscha und Laos, wiederzuerlangen.

1940 kam es zu offenen Kampfhandlungen zwischen Thailand und Frankreich. Die Franzosen konnten Teile der gegnerischen Flotte zerstören, doch an Land waren sie in der Defensive. Auf Druck von Japan wurden nach 2 Monaten die Kämpfe abgebrochen und die Kontrahenten einigten sich am Verhandlungstisch über Gebietsabtretungen. Das Bündnis mit Japan brachte weitere Schwierigkeiten für Phibun mit sich. So wurde verlangt, dass Thailand den befreundeten Nationen Großbritannien und den Vereinigten Staaten von Amerika den Krieg erklärt. Unter Zögern folgte Thailand 1942 dem japanischen Wunsch. Die Entscheidung sorgte für Unruhe in der Regierung und Finanzminister Pridi Phanomyon und Außenminister Direk Jayanama legten ihre Ämter nieder.

Nach dem Gesetz hätte Pridi die Kriegserklärung unterschreiben müssen, da er einer der Thronregenten des minderjährigen Königs Ananda war. Er weigerte sich bis zuletzt. Daher ließ Phibun seine Unterschrift fälschen.

Pridi führte ab 1943 die Bewegung Seri Thai („Freies Thailand“) an, die sich gegen das Bündnis mit Japan stellte. Der 2. Weltkrieg schadete Thailand mehr als er nutzte. Zwar konnten kleine Landgewinne erzielt werden, doch die Wirtschaft wurde extrem geschädigt. Die Exportmöglichkeiten waren stark eingeschränkt und die Währung wurde geschwächt. Zudem verlangten die Japaner Unterstützung bei aufwendigen Bauprojekten. Eines dieser Projekte ist in dem Film „Die Brücke am River Kwai“ verfilmt worden.

River Kwai
Brücke am River Kwai (Foto: Wikimedia Commons, Spielvogel)

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Beim Bau des 415 km langen Schienenweges zwischen Myanmar und Thailand wurden schätzungsweise 240.000 Zwangsarbeiter aus Südostasien sowie 60.000 Kriegsgefangene eingesetzt. Viele der Arbeiter verloren zwischen 1942 und 1945 ihr Leben: Schätzungen gehen von über 100.000 Todesfällen aus.

Phibun ließ Pridi und die Seri Thai Bewegung gewähren. Auch innerhalb des Volkes regte sich Widerstand gegen das Bündnis mit Japan. Die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse und die Gedanken Phibuns eine neue Hauptstadt in der nördlichen Provinz Phetchabun zu gründen, sorgten für Empörung. 1944 musste Phibun zurücktreten. Thailand konnte sich von Japan distanzieren. Nach der Kapitulation Japans am 15. August 1945 nahm Pridi als Thronregent die Kriegserklärung an Großbritannien und den USA zurück.

Die USA sahen in Thailand keinen Feindesstaat. Die Kriegserklärung erhielt den Formfehler, dass Pridi sie nicht unterschrieben hatte; zusätzlich wurde sie auch nie offiziell übergeben.

Die Briten bewerteten den Vorgang anders. Sie forderten Gebiete in Myanmar und Malaysia zurück. Thailand musste 1,5 Millionen Tonnen Reis an die britischen Kolonien liefern. Zusätzlich musste die neue Regierung zusichern ohne englische Einwilligung keinen Kanal zwischen dem Golf von Thailand und der Andamanensee zu bauen, damit britische Besitzungen, wie Penang, nicht ihre günstige strategische Lage einbüßten.

Den Franzosen wollte die thailändische Regierung die eroberten Gebiete nicht zurückgeben. Erst nach einigem hin und her wurden 1947 Territorien in Laos und Kambodscha übergeben. Der Preah Vihear Tempelkomplex blieb vorerst in thailändischer Hand, wurde aber 1962 nach einem Urteil des Internationalen Gerichtshofes Kambodscha zugesprochen.

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Hier geht es zu Teil 9: Thailand im 19. Jahrhundert
Teil 11: Die Nachkriegszeit

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Der autoritäre Staat (Geschichte Myanmars 11)

U Nu und U Thant
Abb. 15: U Nu und U Thant, ca. 1955. (Foto: Wikimedia Commons)

Der Militärputsch war der Auftakt zu einer unerbittlichen Diktatur, die das Land in Armut und Isolation führte.

Ne Win schaffte die demokratischen Einrichtungen ab. Das Mehrparteien-System wurde aufgehoben und das Parlament aufgelöst. Entscheidungen wurden von nun an in einem zwölfköpfigen Revolutionsrat getroffen, an dessen Spitze Ne Win stand.

Die Regierung erklärte „den Birmanischen Weg zum Sozialismus“ einschlagen zu wollen. Doch de facto war es eine reine Militärherrschaft. Das Führungspersonal in politischen, sozialen und ökonomischen Institutionen wurde ausgetauscht. Ein großer Verlust an Kenntnissen und Erfahrung war die Folge.

So ließ Ne Win sämtliche Banken und den Industriesektor verstaatlichen. Die fachkundigen Manager wurden durch Militärführer ersetzt. Mit der Kontrolle der Finanzindustrie konnte die Kreditvergabe auf staatliche Betriebe begrenzt werden. Diese Politik stärkte die Machtbasis der neuen Regierung – allerdings zu Lasten der wirtschaftlichen Lage des Landes.

Für 100.000 Inder und Pakistani, die im Handel tätig waren, bedeutete die radikale Verstaatlichung den Verlust ihrer Lebensgrundlagen.

Doch auch Einheimische waren durch die Reformen Ne Wins betroffen: Ackerland wurde in den Staatsbesitz gestellt. Die Bauern verloren die Möglichkeit eigenständig über ihre Agrarproduktion zu entscheiden. Sie mussten Quoten erfüllen, die das staatliche Landwirtschaftsunternehmen festlegte. Die Folge war ein Einbruch des Reisexports und ein Schwarzmarkt für bäuerliche Produkte.

Die politische Lage blieb in Myanmar brisant. 1968 wurde der ehemalige Präsident U Nu wieder aktiv. Er war in der birmanischen Bevölkerung populär und wollte das ausnutzen, um Ne Win zu stürzen. Zusammen mit General Bo Yan Naing, einen der „30 Kameraden“ und Vertretern der Minderheitsvölker versuchte er Widerstand zu organisieren. Doch sie konnten nicht genügend Gefolgsleute mobilisieren und der Umsturz verlief im Sande.

Ne Win war nun gewarnt. Er erkannte, wie gefährlich eine unzufriedene Bevölkerung sein konnte. 1974, am Jahrestag des Putsches, verabschiedete er eine Verfassungsreform, die die Bürgerbeteiligung erhöhte. Eine Zivilregierung wurde eingesetzt, doch hinter den neuen Fassaden änderte sich nicht viel – die tatsächliche Macht verblieb beim Militär. Die Reform war ein erster kleiner Schritt aus der internationalen Isolation: einer geringen Anzahl von Ausländern wurde der Besuch Myanmars gestattet.

Trotz der ungebrochenen Macht der Militärs gelang es Ne Win nicht die Bürgerkriege einzudämmen. Die kommunistische BCP verlor zwar ab Mitte der 1970er an Einfluss, doch ihr Niedergang sollte sich noch über beinahe 15 Jahre hinziehen. Die Separatisten der verschiedenen Völker einigten sich auf ein gemeinsames Vorgehen und gründeten 1976 die National Democratic Front (NDF). Zu diesem Verband gehörten unter anderem Vertreter der Arakan, Kachin, Karen, Kayah, Lahu, Palaung, Pa-O und Shan. Nach langen Diskussionen beschloss die Gruppierung 1984 auf Unabhängigkeitsforderungen zu verzichten und stattdessen ein föderales System anzustreben, das auf Gleichheit, Autonomie, Freiheit und Selbstbestimmung der verschiedenen Völker basieren sollte.

Doch die Zentralregierung verweigerte Verhandlungen mit der NDF. Sie bezeichneten die Widerstandskämpfer als „Rebellen“, „Banditen“ und „Opiumhändler“. Diskussionen über einen föderalen Staat wurden für unnötig befunden, da die Verfassungsreform von 1974 schon nach diesen Prinzipien ausgerichtet gewesen sei.

Genauso wenig wie eine Lösung am Verhandlungstisch in Sicht war, konnte das Militär eine Entscheidung erringen. Bis in die 1980er-Jahre erfolgten die Angriffe der Armee immer auf die gleiche Weise: in der Trockenzeit wurde angegriffen und Gebiete wurden besetzt; in der Regenzeit erfolgte der Rückzug.

Myanmar war lange Zeiten eines der reichsten Länder Südostasiens. Nach 25 Jahren Misswirtschaft unter der Führung von Ne Win beantragte das Land den LDC-Status („Least Developed Countries“, dt. „am wenigsten entwickelte Länder“) und gilt damit als ein 4.-Welt-Land. Das Pro-Kopf-Einkommen betrug 1960 noch 680 US$ und schrumpfte bis 1987 auf 190 US$. Die Reisexporte fielen noch extremer von 2 Millionen Tonnen auf 20.000. Fast jedes dritte Kind war unterernährt.

Eine eigenwillige Idee Ne Wins brachte das Fass zum Überlaufen. Er glaubte, wie viele in Myanmar, an Zahlenmystik. Die 9 war seine Glückszahl; daher beschloss er 1987 neue Banknoten im Nennwert von 45 und 90 einzuführen und die alten Geldscheine zu entwerten. Mit dieser Entwertung verloren die Bürger ihr Vermögen. Die Wut darüber bereitete den Weg für die Aufstände ein Jahr später.

In der aufgeheizten Lage wurde ein Student bei einer Auseinandersetzung mit Verwaltungsbeamten in einem Teehaus ermordet. Daraufhin kam es zu landesweiten Protesten, denen die Polizei mit Gewalt begegnete. Ne Win verlor den Rückhalt unter seinen Gefolgsleuten. Im Juni 1988 trat er zurück und kündigte freie Wahlen an. Damit war er der erste Herrscher Myanmars, der freiwillig zurücktrat. Übergangsweise übernahm Sein Lwin die Amtsgeschäfte. Er war für harte und grausame Maßnahmen berüchtigt: 1950 hatte er ein Massaker an den Karen zu verantworten; 1962, 1974 und 1987 löste er Proteste brutal auf. Sein Lwin wollte auch dieses Mal das Problem mit Gewalt regeln: er verhängte das Kriegsrecht und ließ Oppositionelle verhaften.

Doch das Volk gab nicht nach – die Demonstrationen liefen weiter. Sein Lwin wurde durch den gemäßigten Zivilisten Maung Maung ersetzt. Die Proteste schienen erfolgreich. Einige Soldaten schlossen sich den Demonstranten an.

Das Militär wurde unruhig und reagierte radikal: Oberbefehlshaber Saw Maung setzte in einem Putsch die Regierung ab und schuf einen Staatsrat zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung“ (SLORC, „State Law and Order Restauration Council“). Aufstände wurden mit Schusswaffengebrauch aufgelöst. Die Kämpfe waren so grausam, dass in Yangon Feuerwehr-Wagen eingesetzt wurden, um das Blut von den Straßen zu waschen. Insgesamt starben 5.000 Menschen; 8.000 Oppositionelle flüchteten; drei Jahre lang wurden alle Universitäten des Landes geschlossen.

Das SLORC führte eine große Reform der geografischen Bezeichnungen durch. Städte und Flüsse wurden umbenannt, sogar der Name des Staates selbst wurde geändert.

Alt Neu  
Akyab Sittwe Stadt
Arakan Rakhine Staat
Birma Myanmar Staat
Irrawaddy Ayeyarwaddy Fluss
Karen Kayin Staat, Ethnie
Maymyo Pyin-U-Lwin Stadt
Mergui Myeik Stadt, Archipel
Moulmein Mawlamyine Stadt
Pagan Bagan Stadt
Pegu Bago Stadt, Region
Prome Pyay Stadt
Rangon Yangon Stadt
Salween Thanlwin See

Im Mai 1990 wurden Wahlen durchgeführt, die die Oppositionspartei NLD souverän gewann. Doch das SLORC verhinderte den politischen Wandel, indem es die Bildung der neuen Verfassung verschleppte.

Ab 1993 wurde ein Nationalkonvent einberufen, der den Weg in die Zukunft bestimmen sollte. Zu den Teilnehmern gehörten alle Parteien, auch die kleineren der einzelnen Ethnien. Doch die Armee verstand es, nur die eigenen Interessen durchzusetzen und die Wünsche der Opposition zu übergehen. Daher verzichtete die NLD auf ein langfristiges Engagement bei den Versammlungen.

Den Reformprozess, aus dem die Öffnung des Landes resultierte, wurde schließlich von der Militärregierung selbst eingeleitet. Schon Ende der 1990er-Jahre arbeitete das Regime an einem Imagewandel. Aus dem SLORC wurde das SPDC („State Peace and Development Council” = „Staatsrat für Frieden und Entwicklung“).

2003 verkündete Premierminister Khin Nyunt die „Roadmap to Democracy“, den Leitplan zur Demokratie. Der Nationalkonvent sollte eine Verfassung verabschieden, die eine moderne, demokratische Nation gewährleisten soll.

Es dauerte letztendlich noch weitere fünf Jahre bis die neue Verfassung  Gültigkeit erlangte.

Im November 2005 wurde die Hauptstadt von Yangon nach Naypyidaw verlegt. Die Planstadt wurde unter Geheimhaltung in der Mandalay-Region, im Herzen des Landes, an einem unbewohnten Ort gebaut. Die Gründe für die Verlegung des Regierungssitzes sind unklar – vielleicht ist es der Militärjunta im pulsierenden Yangon zu unübersichtlich, zu gefährlich geworden.

Literatur:

Köster, Ute; Phuong Le Trong; Grein, Christina: Handbuch Myanmar – Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur, Entwicklung. Berlin, 2014.
Ludwig, Klemens: Birma.  München, 2009.

Hier geht es zu Teil 10: Das unabhängige Myanmar

 

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Das unabhängige Myanmar (Geschichte Myanmars 10)

Aung San
Aung San (Foto: Wikimedia Commons)

Im neuen Staatsgefüge nahm Aung San die erste Position ein. Er war zwar ein Mann des Militärs, doch innenpolitisch suchte er einen gemäßigten, friedvollen Weg. Die verschiedenen Völker und Religionen sollten das neue Myanmar gemeinsam aufbauen. Schon in Kriegszeiten setzte er ein Zeichen, als er als Buddhist die Christin Daw Khin Kyi heiratete. Mit ihr hatte er drei Kinder: zwei Söhne und eine Tochter, die spätere Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi.

Doch Aung San blieb keine Zeit, seine politischen Ideen umzusetzen. Noch bevor die Briten das Land verließen, fiel er einem Attentat zum Opfer. Am 19. Juli 1947 stürmten vier mit Maschinenpistolen bewaffnete Männer eine Kabinettssitzung und erschossen sieben der anwesenden Politiker. Unter den Toten befanden sich Aung San und Mahn Ba Khaing, ein Karen-Anführer. U Saw, ein ehemaliger Premierminister aus der Vorkriegszeit, wurde später als Drahtzieher überführt und hingerichtet.

Mit dem Tod Aung Sans verschwand das Völker und Religionen verbindende Element in der Politik Myanmars. U Nu, der ebenfalls aus den Reihen der „30 Kameraden“ stammte, übernahm die Amtsgeschäfte. Ihm fehlten sowohl das Charisma als auch die administrative Erfahrung,  um das Land in eine ruhige Lage zu manövrieren.


Am 4. Januar 1948 wurde Myanmar offiziell ein unabhängiger Staat. Das Datum wurde von einem buddhistischen Mönch und einem Astrologen als besonders günstig vorgeschlagen. Die Verfassung sah eine parlamentarische Demokratie vor. Der erste Präsident U Nu wurde indirekt durch das Parlament gewählt und verfügte über eine eingeschränkte Führungsmacht.

U Nu bedachte Ne Win mit mehreren Kabinettsposten. Die neue Regierung hatte eine enge Bindung zum Militär und die ersten Anzeichen der späteren Diktatur wurden offenbar. Die Machthaber stockten Polizei und Armee massiv auf.

Durch den Korea-Krieg Anfang der 1950er-Jahre stieg der weltweite Bedarf an Reis und trieb damit die Preise in die Höhe. Für den jungen Staat Myanmar war das eine gute Möglichkeit den Export anzukurbeln. Allerdings wurde versäumt in dieser guten Phase zukunftsträchtige Projekte zu finanzieren. Die konservativen Bauern verzichteten auf eine Modernisierung der Landwirtschaft und die korrupte Verwaltung verhinderte die Entwicklung von neuen Industrien. Nachdem der Reismarkt sich normalisierte, trat der Handel in den Hintergrund. Hauptpartner wurden die sozialistischen Staaten, die Myanmar mit qualitativ eher minderwertigen Gütern versorgten. Der wichtigste westliche Handelspartner wurde die USA, die u.a. Tabak und Baumwolle lieferten.

Die britische „teile und herrsche“-Politik, die die historischen und kulturellen Unterschiede der einzelnen Völker betonte, wirkte in das unabhängige Myanmar hinein.  Die Folge war ein tief gespaltenes Land. Die Politik wurde von den Bamar dominiert. Diese Volksgruppe stellte ungefähr zwei Drittel der Bevölkerung. Die vielen ethnischen Gruppierungen des Landes hatten kaum Mitgestaltungsmöglichkeiten. Karen, Shan, Kachin, Chin, Mon und Arakanesen kämpften seit Beginn der Unabhängigkeit für mehr Autonomie.

Nach den Truppenabzügen der Japaner und Briten verblieben viele der Schusswaffen im Land und machten Myanmar damit sprichwörtlich zu einem Pulverfass. Die Anfangsjahre des jungen Staates wurde von einer Vielzahl von Konflikten überschattet. Die Gegner der Regierungstruppen rekrutierten sich aus der kommunistischen Bewegung und aus den verschiedenen ethnischen Minderheiten.

Die Kommunisten waren in zwei Fraktionen gespalten: die kleine, radikale Gruppe der Rote-Flagge-Kommunisten der „Communist Party of Burma“ (CPB) unter der Führung von Thakin Soe setzte mit Beginn der Unabhängigkeit auf den bewaffneten Kampf.  Ein größeres Problem für die Regierung in Yangon stellten die Weiße-Flagge-Kommunisten der „Burmese Communist Party“ (BCP) dar. Sie konnten 12.000 bewaffnete Kämpfer aufbieten und wurden von dem vormaligen Aung San-Vertrauten und Kabinettsmitglied Than Tun angeführt. Die BCP stand für die Ideen Maos und einem landwirtschaftlich ausgerichteten Kommunismus ein. Als am 28. März 1949 Premierminister U Nu in einen Konflikt mit Than Tun geriet und ihn aus dem Kabinett ausschloss, revoltierten die Weiße-Flagge-Kommunisten.

Neben diesen Krisenherden hatte die Zentralregierung in Yangon Schwierigkeiten die separatistischen Bestrebungen einiger Volksstämme einzuschränken. U Nu war zwar bereit, den Minderheiten mehr Rechte zuzugestehen, doch konnte er sich in den eigenen Reihen gegen die Hardliner nicht durchsetzen. Innerhalb der Karen bildete sich eine militante Bewegung, die sich blutige Gefechte mit der birmanischen Armee lieferte.

Alle Anzeichen wiesen darauf hin, dass der neue Staat nicht lange bestehen würde. Doch dem zum General beförderten Ne Win gelang es, die Rebellen aus dem Zentrum Myanmars zurückzudrängen. Er stellte schlagkräftige Einheiten zusammen, die mit äußerster Härte die Gegner bekämpften. Die Karen gerieten in die Defensive. Zu ihrer Überraschung fanden sie kaum Unterstützung bei den anderen Minderheiten. Völker, wie die Shan und Chin, hielten sich aus den Gefechten heraus, da sie der neuen Regierung eine Chance geben wollten.

Ende der 1950er-Jahre waren die Kommunisten und die Separatisten unter Kontrolle gebracht. Die Zentralregierung bemühte sich um Aussöhnung und erließ eine Amnestie für die Rebellen. Vor allem die BCP-Kämpfer nutzen die Möglichkeit eines Neuanfangs und gründeten die „People’s Comrade Party“. Einige Mitglieder der Regierungspartei spalteten sich ab und traten in die neue Partei ein. U Nu wollte derart geschwächt nicht weiterregieren und trat als Premierminister zurück. Die Macht ging kurzzeitig auf das Militär über – Ne Win wurde Interims-Regierungschef.

Die Neuwahlen von 1960 gewann U Nu mit seiner Partei, der AFPFL. Das eindeutige Votum war für den alten und neuen Premierminister die Bestätigung, aktiv seine politischen Visionen umzusetzen. Doch die Änderungen zogen Ärger nach sich. Die Idee, den Buddhismus als Staatsreligion zu fördern, wurde von einigen nichtbirmanischen Völkern abgelehnt. Den Minderheiten wollte U Nu politisch stärker entgegenkommen – Shan und Mon sollten in Zukunft mehr Autonomie genießen. Doch dieses Vorhaben stieß in Militärkreisen auf Widerstand. Im März 1962 stürzte General Ne Win die Regierung und übernahm die Amtsgeschäfte.

Literatur:

Charney, Michael W.: A History of Modern Burma. Cambridge, 2009.
Ludwig, Klemens: Birma.  München, 2009.

Hier geht es zu Teil 9: Yangon – der neue Mittelpunkt
Teil 11: Der autoritäre Staat
 



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Yangon – der neue Mittelpunkt (Geschichte Myanmars 9)

Im Myanmar gab es mehrere städtische Zentren. Das 1852 besetzte Yangon wurde schnell zum wichtigsten britischen Stützpunkt in der Region. Die Siedlung war eine typische Hafenstadt der Kolonialzeit und ähnelte in ihrer Struktur Singapur, Penang oder Kalkutta. Sie war schon vor der Besatzung eine fremde Stadt auf birmanischen Grund. Ausländer dominierten das Stadtbild: neben Europäern suchten Chinesen, Inder und andere Asiaten dort ihr Glück. Die Einheimischen waren in der Unterzahl und ihr Anteil sank im Verlauf der Kolonialzeit. 1937 waren gerade 127.000 der 400.000 Einwohner Yangons Bamar.

Unter den Einwanderern gab es einen starken Männer-Überschuss, der zu gesellschaftlichen Problemen führte. Prostitution und Drogenmissbrauch nahmen zu. In der Stadt wuchs der größte Rotlicht-Bezirk in „British Indien“ heran.

Yangon
Kolonialgebäude in Yangon

In Yangon prallten die verschiedenen Kulturen aufeinander. Gerade die Missachtung von religiösen Heiligtümern erzürnte die Bamar. Verschiedene nationalistische und religiöse Gruppierungen entstanden, die für den Schutz buddhistischer Werte eintraten. Eine bekannte Organisation war die 1906 gegründete Young Men’s Buddhist Association (YMBA). Sie protestierten gegen ausländische Firmen, die Buddha-Bildnisse und Pagoden in Logos oder Markenzeichen verwendeten. Zusätzlich kämpften sie für das Verbot des Tragens von Schuhen in den heiligen Stätten.

Die Schuh-Frage führte zu blutigen Auseinandersetzungen im Land. Ein wütender Mönch in Mandalay griff einen Europäer an, der mit seinen Stiefeln den Mahamuni-Schrein betrat, und zerschnitt ihm mit einem Messer das Gesicht.

Auch die Studentenunruhen machten den Besatzern zu schaffen. In den 1920er-Jahren versuchten die Briten mit einigen Zugeständnissen die Lage zu entschärfen. Doch die Situation blieb angespannt.

Sie gaben schließlich nach: 1937 wurde eine Verwaltungsreform umgesetzt, die den Bamar ein großes Maß an Selbstverwaltung gestattete.

Die Kolonialzeit brachte für Myanmar eine Öffnung gegenüber dem Westen. Neuartige Konsumgüter, aktuelle Mode und frische politische Ideen fanden den Weg nach Südostasien. Dennoch gerieten die alten Traditionen des freien Myanmar nicht in Vergessenheit. Japan, das Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer Großmacht heranwuchs, stärkte das Selbstbewusstsein der Asiaten. Diese neuen gesellschaftlichen Strömungen wurden besonders von den Bamar in Yangon aufgenommen. Aus der von Fremden kontrollierten Stadt wurde das Zentrum der birmanischen Nationalisten. Es wurden Kontakte zu den Japanern geknüpft. Bevor die Briten eingreifen konnten, setzten sich einige Führungspersonen aus der antikolonialen Bewegung nach China ab – die sogenannten „30 Kameraden“. Aung San und der spätere Diktator Ne Win waren Teil dieser Gruppe. Im Exil erhielten sie von den Japanern eine militärische Ausbildung.

Die Japaner hatten große Truppenkontingente in Südostasien stationiert, vor allem in Thailand. Am 8. März 1942 stießen sie von dort weiter in Richtung Westen vor und marschierten in Myanmar ein. Aung San und andere Kämpfer der Befreiungsbewegung gehörten zu den Invasoren. Unter großen Jubel gelangten sie nach Yangon.


Das Land stand vor seiner Unabhängigkeit. Allerdings war diese Eigenständigkeit nur formal: die Japaner übten soviel Druck aus, dass der politische Handlungsspielraum im Vergleich zur Kolonialzeit vorerst sogar sank. Dennoch wurden die Weichen zur Freiheit in dieser Zeit gelegt. Unter Mitwirkung der Japaner wurde eine birmanische Armee aufgestellt, die von Aung San kommandiert wurde; Ne Win befehligte ein Bataillon.

1943 trat die erste unabhängige Regierung unter dem Premierminister Ba Maw an. Aung San wurde zum Verteidigungsminister ernannt und Ne Win nahm dessen Kommandeursposten im Heeresverband ein.

Die Japaner befreiten zwar Myanmar von der europäischen Besatzung, doch mit Arroganz und Brutalität verstimmten sie die Bamar. Als im März 1945 die Niederlage der Achsenmächte offensichtlich wurde, wandte sich Aung San gegen seine alten Verbündeten und trieb zusammen mit den britischen Streitkräften die Japaner aus dem Land.

Der Zweite Weltkrieg endete mit der Kapitulation der Japaner und die alten Kolonialherren kehrten nach Myanmar zurück. Doch sie kamen zu spät – die Unabhängigkeitsbewegung war stark geworden. Eine junge, birmanische Führungsriege übernahm die Staatsgeschäfte. Unter ihnen befanden sich die Militärführer wie Aung San, U Nu und Ne Win. 1947 endete die Fremdherrschaft der Europäer. Die britische Verwaltung organisierte Wahlen und entließ Myanmar in die Unabhängigkeit.

Literatur:

Charney, Michael W.: A History of Modern Burma. Cambridge, 2009.
Ludwig, Klemens: Birma.  München, 2009.

Hier geht es zu Teil 8: Myanmar als englische Kolonie
Teil 10: Das unabhängige Myanmar

 



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Taksin und das wiedererstarkende Siam (Geschichte Thailands 7)

Ein Offizier namens Sin konnte mit seinen Gefolgsleuten den Belagerungsring der Birmanen durchbrechen und der Gefangenschaft entgehen. Er war 1734 als Sohn eines chinesischen Einwanderers in Ayutthaya geboren und konnte sich aufgrund seiner Talente vom königlichen Pagen bis zum Gouverneur der Provinz Tak hocharbeiten. Daher erhielt er später den Namen Taksin.

Taksin rekrutierte 5000 Soldaten und konnte 1768 die birmanische Garnison in Ayutthaya besiegen. Im Jahr darauf wurde er zum König ernannt.

Thailand lag am Boden. Durch den Krieg zerrüttet, brach Hungersnot im Land aus. Taksin mobilisierte sämtliche zur Verfügung stehenden Kräfte, um die brachliegenden Reisfelder schnell wieder betreiben zu können. Sogar seine Staatsbeamten mussten ungeachtet ihres Ranges bei diesen Aufgaben helfen.

Um die Versorgung schnellstmöglich zu gewährleisten, wurde der Handel angetrieben. Als neue Hauptstadt wurde Thonburi gewählt, das am Chao Praya Fluss nur wenige Kilometer von der Meeresküste entfernt lag. Die Stelle war für den maritimen Warenverkehr gut geeignet. Taksin setzte auf die chinesischen Kaufleute, denen er nicht nur durch die familiäre Bindung nahe stand, sondern deren Sprache er auch sprechen konnte. Die Maßnahmen fruchteten: In der modernen Forschung wird der Warenhandel als der entscheidende Faktor zum Wiedererstarken Siams gesehen.

Militärisch schlug Taksin zunächst gegenüber dem starken Birma einen defensiven Weg ein und konzentrierte sich auf Gebietserweiterungen im Osten. Die Khmer mussten die Souveränität des siamesischen Reiches akzeptieren.

1774 schloss Taksin mit Lan Na ein Bündnis und konnte die Birmanen aus dem Norden Thailands zurückdrängen. Lan Na wurde zum Vasallen Siams. Mit seinen Fähigkeiten konnte Taksin das Land wieder als regionale Macht etablieren. Doch er vermochte es nicht, sich langfristig an der Spitze des Reiches zu halten, weil er einflussreiche Bevölkerungsschichten verärgerte. So verlangte Taksin von den Mönchen, sich vor ihm zu verneigen. Ein ungeheuerlicher Vorgang, da im thailändischen Buddhismus der einfachste Mönch sich nicht vor einem König verbeugen brauchte. Viele Mönche gehorchten widerwillig, doch einige verweigerten den Gehorsam.

Taksin wurde misstrauisch gegenüber seinen eigenen Gefolgsleuten und geriet in absoluter Isolierung. Sogar in seinem engsten Umfeld wurde er argwöhnisch und ließ mehrmals Diener hinrichten.

1781 verlor der Herrscher von Kambodscha bei einem Aufstand sein Leben. Taksin wollte die chaotischen Zustände ausnutzen und schickte ein Heer von 20.000 Soldaten in den Osten.

Zeitgleich brachen in Thailand Unruhen aus. Taksin war nicht in der Lage, die Situation zu kontrollieren. Von den Nachrichten aus der Heimat alarmiert, eilten die nach Kambodscha aufgebrochenen Soldaten unter dem Kommando von Thòng Duang zurück nach Siam. Dort wurde die Rebellion beendet und Taksin exekutiert.

Thòng Duang wurde zum König ernannt, posthum wurde ihm der Name Rama I. zugeteilt. Seine Dynastie wurde nach seinem Ehrentitel Chao Phraya Chakri benannt.

Literatur:

London, Ellen: Thailand Condensed – 2000 Years of History and Culture. Singapur, 2008.

Grabowsky Volker: Kleine Geschichte Thailands . München, 2010.

Hier geht’s zu Teil 6 – Die Zerstörung Ayutthayas

Teil 8: Bangkok, die Stadt der Engel

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