Die ersten Kulturen (Geschichte Vietnams 1)

Prähistorische Jäger
Prähistorische Jäger. Gemälde im Historischen Museum in Hanoi (Foto: Wikimedia Commons, HappyMidnight)

Die ersten menschlichen Artefakte, die in Vietnam gefunden wurden, stammen von der „Sơn Vì“-Kultur aus der Altsteinzeit. In einem weit verstreuten Gebiet an insgesamt 230 Orten hinterließen sie Spuren – von Phú Thọ nordwestlich von Hanoi bis tief in den Süden nach Lâm Đồng, das ca. 100 km nordöstlich von Ho Chi Minh City liegt. Doch auch außerhalb von Vietnam lebten diese Altsteinzeiteinwohner. Sowohl in Südchina als auch in Thailand finden sich Hinweise auf sie.

Die erhaltenen Skelette weisen durchgehend australoide Merkmale auf. Das bedeutet, dass es noch keine Durchmischung mit Völkern aus dem Norden gab.

Die Hinterlassenschaften in Höhlen geben einen kleinen Einblick in die Lebensweise der Frühmenschen. Typisch war eine zentrale Feuerstelle. Dort entdeckten Forscher Asche von verbranntem Holz und zerbrochene Werkzeuge. Am Rande lagen tierische Überreste, wie Knochen, Zähne und Muschelschalen.

Das Klima war zwar leicht kühler als heutzutage, doch den Jägern und Sammlern bot sich dennoch ein umfangreiches Angebot. Neben pflanzlichen Nahrungsmitteln wurden allerlei verschiedene Tiere gejagt. Rotwild, Elefanten, Wildschweine, Affen, Füchse, Tiger und andere Wildkatzen lieferten den Frühmenschen große Mengen Fleisch. Doch auch kleine Happen, wie Bergschnecken, wurden nicht verpönt. Das Meer und die Flüsse lieferten Fische und Weichtiere, wie Herzmuscheln und Austern.

Die Neusteinzeit beginnt mit der „Hòa Bình“-Kultur. Die Bekanntheit dieser Kultur ist mit ihrer Entdeckerin verknüpft. Die zur Archäologie gewechselte Botanikerin Madeleine Colani war die einzige weibliche Spezialistin im Bereich der französischen Kolonialarchäologie. Ihrer Entdeckung folgten viele weitere: alleine 120 Fundstellen in Vietnam konnten zugeordnet werden. Auch außerhalb des Landes, in Kambodscha, Laos, Thailand, Myanmar, Sumatra und Australien hinterließen die Hòa Bình ihre Spuren.

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Sie stammten aus einem anderen Kulturkreis als die Sơn Vì. Mit Blick auf die mongoliden Skelette der Hòa Bình  liegt eine Verwandtschaft zu chinesischen oder tibetischen Völkern nah. Ihre Lebensführung unterschied sich ebenfalls zur Altsteinzeit.

Sie nutzen feiner ausgearbeitete Steinwerkzeuge und erschlossen neue handwerkliche Bereiche, wie die Töpferei. Erste Töpferwaren mit Verzierungen tauchten auf und beweisen, dass die Menschen nicht nur reine, funktionale Gebrauchsgüter schaffen wollten. Mit Schnüren wurden Muster in den Ton gekerbt. Nach diesem Verfahren werden die Stücke als Schnurkeramiken bezeichnet.

Die Hòa Bình waren keine reinen Jäger und Sammler mehr. Sie nutzen einfache Formen der Landwirtschaft und bauten Gemüse, Fruchtbäume und Reis an. Auch im Bereich der Tierhaltung wurden erste Schritte unternommen und Hunde gezähmt.

Die weitere Ausbreitung der „Hòa Bình“-Kultur wurde durch den Klimawandel verhindert. Als vor ca. 8.000 Jahren die Eiszeit endete und die Eisdecken schmolzen, stieg der Meeresspiegel weltweit an. Große Teile des Sunda-Kontinents versanken im Meer. Siedlungsgebiete wurden überschwemmt und die Wanderung zwischen Nord und Süd wurde erschwert. Es entstanden Risse in der Erdkruste und häufige Erdbeben und Tsunamis waren die Folge.

Mit dem verlorenen Lebensraum verschwanden auch viele Zeugnisse der alten Kulturen im ansteigenden Meer. Die heute in den Museen und Sammlungen zu sehenden Gegenstände stammen aus den höher gelegenen Regionen, die durch ihre Lage vor dem Wasser geschützt waren.

Tabelle: Frühe Kulturen in Vietnam
Die Jahreszahlen weichen je nach Quelle ab und sollten daher nur als ungefährer Anhaltspunkt dienen. Die Namensgebung der Kulturen richtet sich nach dem jeweils ersten Fundort.

Steinzeit
30.000 v.u.Z. Dieu
21.000-9.000 v.u.Z. Sơn Vì
16.000-5.500 v.u.Z. Hòa Bình
8.000-5.000 v.u.Z. Bắc Sơn
4.000-2.000 v.u.Z. Đa Bút
Bronzezeit
2.000-1.500 v.u.Z. Phùng Nguyên
2.000 v.u.Z. Hạ Long
1.000-700 v.u.Z. Gò Mun
1.000 v.u.Z. Đông Sơn
Eisenzeit
2.000 v.u.Z. – 200 Sa Huỳnh
2.000 v.u.Z. Đông Nai

Mit dem sich zurückziehenden Schmelzwasser entstanden neue Kulturen in Vietnam. Die Bronzezeit, die ungefähr 2.000 Jahre vor der Zeitenwende einsetzte, brachte den nächsten Techniksprung. Die „Phùng Nguyên“-Kultur hinterließ höherwertige Handwerksstücke. Dazu zählen Töpferwaren, Schmuck, Pfeile, Lehmskulpturen. Es wurden Spulen und Weberschiffchen aus Keramik gefunden, die beweisen, dass bereits Kleidung gewebt wurde.

Die wahrscheinlich bekannteste Bronzezeit-Kultur sind die „Đông Sơn“. Sie hatten ihre Hochphase von ca. 1.000 v.u.Z. bis ins erste Jahrhundert n.u.Z.. Die Ausbreitung war weit über Vietnam hinaus; sogar in Myanmar zeigt sich eine ähnliche Kultur. Das Besondere an den Đông Sơn waren die feinen Bronzearbeiten. Viele Gegenstände wurden aus diesem Material gefertigt: u.a. wurden Trommeln, Werkzeuge, Gefäße und Waffen gefunden.

Literatur:
Vu Hong Lien; Sharrock, Peter: Descending Dragon, Rising Tiger. London, 2014.



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