Die Einigung Italiens und die Auswirkungen auf Sizilien

Dies ist ein alter Artikel aus dem Vorgängerblog!

Garibaldi
Garibaldi

 

1. Historische Situation Italiens vor der Vereinigung

1.1. Neuordnung nach dem Wiener Kongress

Nach der Niederlage Napoleons wurde auf dem Wiener Kongress 1815 die europäische Landkarte neu gestaltet. Italien wurde in viele Staaten aufgeteilt. Im Norden standen die Toskana, die Lombardei und Venetien unter österreichischen Einfluss. Rom und die angrenzende Region gehörten zum Kirchenstaat. Im Süden Italiens herrschten die Bourbonen über das Königreich beider Sizilien, das große Teile des südlichen Festlandes mit einschloss. Der einzige freie Staat unter Führung einer italienischen Herrscherdynastie war das Königreich Sardinien-Piemont.[1]

1848 erfasste Europa eine Welle von Revolutionen und auch in Italien drängten die Bürger nach mehr Freiheit. Im wirtschaftlich armen Sizilien nahmen die Aufstände ihren Anfang. Da die Revolutionäre die Interessen der einfachen Bürger nicht vertraten, konnten sie die Massen nicht mobilisieren.[2] Der Umsturz missglückte, doch veränderte sich die politische Landschaft. Im Königreich beider Sizilien und in Piemont-Sardinien wurden Verfassungen eingeführt.

1.2. Situation Siziliens vor der Vereinigung

Der Handel stand in Sizilien auf schwachen Füßen. Die mangelnde Rechtssicherheit und fehlendes Vertrauen der Bürger untereinander sorgten für schlecht verfügbare Kredite und Versicherungen. Die Industrie litt wiederum unter dem schwachen Handel. Sizilien verfügte nur über ungenügend ausgebaute Verkehrswege im Landesinneren und es fehlte an Rohstoffen, wie Eisenerz und Kohle, die einen wichtigen Faktor der Industrialisierung darstellten. Daher war der primäre Wirtschaftssektor auf der Insel dominant.

Doch auch im landwirtschaftlichen Bereich gestalteten sich die Jahre vor der Vereinigung als schwierig. So waren die heißen Küstenebenen für den Anbau von Früchten gut geeignet, doch  schlechte Erntemethoden, fehlende Infrastruktur und Kriminalität verhinderten hierbei gute Gewinnspannen.[3]

Der Weizenanbau wurde durch die Besitzstrukturen gehemmt. Es wurde extensive Landwirtschaft mit primitiven Anbaumethoden und Werkzeugen betrieben. Durch Raubbau wurde der Ertrag des Ackerlandes weiter gesenkt.

Sizilien hatte von dem Krieg Napoleons profitiert, da die Engländer stark auf der Insel investierten. Nach 1815 stieg daher die Arbeitslosigkeit an, der Getreidepreis verfiel und der Wert des Landes sank.[4]

Die sizilianische Ökonomie war also auch vor der Vereinigung äußerst labil und die Bevölkerung litt unter Armut. Brisant war, dass in Süditalien das Brigantentum eine lange Tradition hatte.[5] In sozial angespannten Zeiten konnten diese Banditen-Banden schnell anwachsen und Landbesitzern und der herrschenden Klasse große Probleme bereiten.

Die Historikerin Lucy Riall sieht eine Verquickung von Bandengewalt und politischer Macht:

 „Bandits were ´employed´ by powerful families to exact revenge on their enemies, to steal cattle and generally to accumulate power; banditry was linked to powerful political and class interests and became an entrenched part of rural life in Sicily, so that behind every bandit, it was claimed, `there was always the figure of a nobleman, a judge, a mayor or a police chief`. This situation produced political instability, social tensions, violence and factionalism rather than liberal opposition movements.”[6]

1.3. Aufstand und Vereinigung Italiens 1860/61

In Sizilien nahm auch die Revolution von 1860 ihren Ausgang.  Es brachen Unruhen aus und die Verfechter der Einheit Italiens drängten den Heeresführer Garibaldi, seine Truppen auf die Insel zu führen. Seine revolutionären Streitkräfte konnten Sizilien schnell befreien, setzten dann zum Festland über und eroberten Neapel. Damit endete die Bourbonen-Herrschaft.

Die Ziele der süditalienischen Bauern und die der Kämpfer für die Einheit differierten in wichtigen Punkten. So folgten Unruhen, die von Garibaldi teilweise blutig niedergeschlagen wurden. Für manchen Sizilianer wurden dadurch die Befreier aus dem Norden zu Besatzer.

Die Herrscher in Piemont wünschten einen schnellen Anschluss des Südens. Garibaldi sah dahinter eine Strategie des Ministerpräsidenten Piemonts, Cavour, die seinen Marsch auf den Kirchenstaat verhindern sollte.[7] Sie entzweiten sich und Garibaldi sollte 2 Jahre später gegen die regulären italienischen Truppen kämpfen und verlieren.

In Sizilien wurde ein Plebiszit durchgeführt und der Anschluss an Piemont schnell durchgesetzt. 1861 wurde der italienische Staat ausgerufen. Es dauerte noch bis 1870 bis die Grenzen des heutigen Italiens hergestellt werden konnten.

2. Die politische Umsetzung der Vereinigung

2.1. Die Zentralstaatslösung

Die italienische Einigung geschah sehr plötzlich. Cavours Außenpolitik richtete sich ursprünglich vor allem gegen die Österreicher. Die Vereinigung Italiens stand für ihn nicht im Focus. Doch durch die Erfolge Garibaldis im Jahre 1860, der unerwartet schnell das Königreich beider Sizilien unterwarf, war der Realpolitiker Cavour gezwungen, seine Zielsetzungen zu ändern.[8]

Die Situation war für die Politiker äußerst schwer zu meistern. Es gab nicht viel, was den italienischen Regionen gemeinsam war. Die italienische Sprache wurde nur von ungefähr 10% der Bevölkerung verstanden[9]. Die Wirtschaft unterschied sich extrem: der Norden war industrialisiert und im Süden dominierte die Landwirtschaft. Die lokalen Eliten verfolgten die unterschiedlichsten Ziele.

Es entstanden Missverständnisse. In Sizilien wurde ein Plebiszit abgehalten, dass mit einer Zustimmung von über 99% für die Bildung einer vereinten, italienischen Republik ausging. Doch viele Sizilianer sahen dies nur als einen Meinungstest und verfügten über keinerlei Detailwissen. In Piemont wurde das Ergebnis hingegen als fester Anschlussgesuch aufgefasst.

Es war für Cavour schwer, verlässliches Wissen über die anderen Landstriche zu erwerben. Sizilien war ihm aus eigener Anschauung fremd. Aufgrund der antiken Vergangenheit, in der Städte wie Syrakus groß und mächtig waren und die Insel als eine Kornkammer des römischen Reiches diente, schätzte man das wirtschaftliche Potential sehr hoch ein. Man vermutete, dass die vorherrschende Armut vor allem eine Folge der schlechten Verwaltung und der Korruption war. Dabei waren die sizilianischen Gesetze und Institutionen im Norden kaum bekannt.[10]

Cavour favorisierte die Verwaltung der italienischen Republik als Zentralstaat. Als Verfassung wurde die von Piemont übernommen. Diese Lösung konnte Cavour ohne große interne Widerstände durchsetzen und die Gesetze hatten sich bewährt.

Der neue Staat hatte nicht nur die Verfassung Piemonts, sondern auch den König, die Herrschaftsklasse und die Hauptstadt mit übernommen. Dies erweckte bei so manchem den Anschein einer Annektion der übrigen italienischen Regionen.

Lucy Riall schreibt hierzu: „What took place, strictly speaking, after 1860 was the ´piedmontization´of Italy rather than political `unification`.”[11]

Kurz nach der Gründung des neuen Staates verstarb Cavour plötzlich und hinterließ eine große Lücke bei der Lösung der anstehenden Aufgaben.

2.2. Die Finanzen: Schulden und Steuern

Durch die anhaltenden militärischen Auseinandersetzungen hatte das Königreich Sardinien-Piemont ein großes Heer unterhalten müssen. Dementsprechend stark wurde der Staatshaushalt belastet und es wurden hohe Schulden aufgebaut. Ungefähr 50% der Verbindlichkeiten der neu ausgerufenen Republik Italien (ohne Rom und Venetien) hatte Piemont beigetragen. Dies verursachte von vorn herein einen enormen Schuldendruck.

Das Militär verursachte auch nach der Einigung noch hohe Kosten. In den Jahren bis 1866 wurden ca. 40% des Staatshaushaltes für die Armee aufgewandt. Nach einem drastischen Sparprogramm konnte dieser Wert halbiert werden.[12]

Sizilien verlor so eine Stärke. Die Insel war zwar wirtschaftlich schwach, doch verfügte sie über eine positive Handelsbilanz. Dadurch war die Staatsverschuldung geringer als bei den anderen italienischen Staaten.[13] Durch den fehlenden Schuldendruck konnte die sizilianische Verwaltung freier handeln. Doch dies endete mit der Vereinigung.

Die Folge war, dass der neue Staat eine resolute Steuerpolitik verfolgte. Das harte Steuersystem von Piemont wurde für alle Regionen der Republik übernommen. Doch dies genügte nicht. Die Steuern wurden regelmäßig erhöht und neue Abgaben wurden erschaffen.

Gerade die einfachen Bürger wurden von den neuen Steuern getroffen, da die Güter des täglichen Lebens teurer wurden. Die Logik dahinter war, dass viel gehandelte Güter auch hohe Steuern einbringen. Die Wiedereinführung der Mahlsteuer im Jahre 1869 war der Höhepunkt dieser Politik. Nicht nur jeder Bürger wurde durch die steigenden Lebensmittelpreise getroffen, sondern vor allem auch die Bauern und damit Sizilien, dessen Wirtschaft vom Getreideanbau bestimmt wurde.

Zusätzlich wurde die Landwirtschaft durch Besteuerung in die falsche Richtung gedrängt. Lucy Riall schreibt:

„By far the most important direct tax was on land, but this was partly assessed on the basis of the land’s productivity. The tax thus favored the large landowners who used extensive farming methods with low productivity, and worked again the smallholder, who used intensive methods.”[14]

Alle diese Maßnahmen reichten nicht aus, um Italien aus der Schuldenfalle zu bringen. Nachdem auch die Ausgabe von Schuldscheinen und die Aufhebung der Konvertierbarkeit der Lira die Finanzlage nicht festigen konnte, wurde Staatsbesitz verkauft. U.a. wurden Eisenbahnkonzessionen vergeben. Dies bedeutete eine Teilung des Eisenbahnnetzes und Privatisierung. Finanziell war dies lohnend, doch verzichtete man dadurch auf ein möglichst effektives Streckennetz, das die Wirtschaft und die Einheit des Landes weiter voran getragen hätte.[15]

Besonders negativ wirkte sich die staatliche Aneignung der kirchlichen Grundstücke aus. Im streng katholischen Sizilien wirkte es auf die Bevölkerung nicht gut, dass die Kirche enteignet und entmachtet wurde.

„The government was in desperate need of money, and saw in the sale of Church land the possibility of raising revenue quickly and relatively uncontroversially; the law would also considerably weaken the economic power of the church in Sicily. As a result of the new provisions in the 1861 law, large landowners were able to take advantage of the reform to gain more land for themselves to the detriment of the peasants. […] peasants were excluded, the auctioneers were intimidated, and a few powerful buyers formed secret rings which eliminated competition and kept the prices minimal.”[16]

Durch den Verkauf der Kirchengrundstücke wurde nicht nur die sizilianische Oberschicht gestärkt, sondern auch die Mittelschicht weiter geschwächt:

„The sale of Church property also damaged the credit assistance offered to the peasantry through the ecclesiastical institution, the Monte di Pietà.”[17]

2.3. Die Wirtschaft

Die Ökonomie war im vereinigten Italien sehr unterschiedlich ausgeprägt und bedurfte damit unterschiedlicher politischer Maßnahmen. In den Anfangsjahren der Republik waren Rom und Venetien noch nicht angeschlossen. Es gab zwei wirtschaftliche Großräume: der industrialisierte Norden und das landwirtschaftlich geprägte ehemalige Königreich beider Sizilien.

Im Norden war man durch seine florierende Ökonomie vom Nutzen des Freihandels überzeugt. Derek Beales schreibt hierzu:

„As Romanelli has written, ´economic liberalism was perhaps the real foundation of the civil philosophy of Italian liberals` after1861. Such `civil philosophy` consisted of various components of which the most prominent was a belief in the beneficial effects of `freer` trade, progressively implemented by means of commercial treaties and international capital movements.”[18]

Dadurch, dass die Informationslage über die Zustände in verschiedenen Teilen des Landes schlecht war und die Vereinigung sehr schnell abgeschlossen werden sollte und daher wenig Zeit für genaue Analyse ließ, wurden einige schwerwiegende Fehlentscheidungen getroffen.

Die Regierenden beschlossen die süditalienische Wirtschaft nach Vorbild des Nordens zu liberalisieren. Man schätze das Potential der Region hoch und wollte dadurch den Handel stärken. Doch das Gegenteil trat ein und Handel sowie Gewerbe konnten sich auf dem offenen Markt nicht durchsetzen.[19]

Das arme Bauerntum Siziliens fand sich dadurch in den darauf folgenden Jahren und Jahrzehnten allerlei Bedrohungen ausgesetzt. Der technische Fortschritt führte dazu, dass das italienische Getreide in Konkurrenz zum amerikanischen Weizen stand. Dies führte zu einem Einbruch der Erlöse.[20] Das hatte wiederum direkte Auswirkungen auf die Verdienstmöglichkeiten. Ein britischer Konsul schrieb 1891: „Der Arbeitslohn ist in Sizilien während der letzten beiden Jahre nicht gestiegen, wohingegen sich die Lebenshaltungskosten verdoppelt haben.“[21]

Eine Alternative zur Liberalisierung der kompletten Wirtschaft wäre ein Schutz gewisser Teilbereiche der süditalienischen Ökonomie gewesen. Dies hätte gerade den technisch nicht weit entwickelten Industrien helfen können. So beschreibt Lucy Riall: „A modern metallurgical industry developed in and around Naples before 1860, which suggests how rapidly certain sectors could expand, if protected from foreign competition by high tariff barriers.”[22]

2.4. Wahlen in der neuen Republik

Mit der Vereinigung übernahmen alle Regionen Italiens das Zensuswahlrecht Sardinien-Piemonts. Dies zeichnete sich dadurch aus, dass nur ein geringer Teil der Bevölkerung an den Wahlen teilhaben konnte. „Nicht mehr als ca. 2% der Bevölkerung besaßen das Recht zu wählen (Frankreich 1877: 26%, Deutscher Reichstag 1878: 20,6%, Großbritannien 1880: 8,8%). Bei der Übertragung auf ganz Italien wirkte sich der für Piemont angelegte Zensus so aus, dass der relativ wohlhabende Norden gegenüber dem neu angegliederten Süden begünstigt wurde.“[23]

Dies führte in Verbindung mit der niedrigen Wahlbeteiligung der jungen Republik dazu, dass die Anzahl der Wähler überschaubar war. Es konnte vorkommen, dass ein Abgeordneter von weniger als 500 Wählern in das Parlament gesandt wurde.[24]

Eine geringe Anzahl von Wählern erleichterte die Bildung von „Seilschaften“ und bedeutete auch die Vereinfachung von Wahlbeeinflussungen. Korruption konnte sich besser verbreiten. Die Eliten konnten sich einfacher abgrenzen, absichern.

Im Roman „Der Gattopardo“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der als der klassische Sizilien-Roman dieser Epoche gilt, wird beschrieben, wie diese Eliten sich neu ausbildeten. Der alte Adel trat zurück und häufig traten bürgerliche Aufsteiger[25] in deren Fußstapfen, die in den Wirren der Revolutionsjahren Vermögen und Einfluss anhäufen konnten.

2.5. Kriminalität und gesellschaftliche Änderungen

Die schlechtere wirtschaftliche Lage und die Steuerabgaben erhöhten den Unmut in der süditalienischen Bevölkerung. In vielen Lebensbereichen passten die neuen italienischen Gesetze nicht zu den Sitten der Sizilianer.

So unterlagen Frauen im Sizilien des 19. Jahrhunderts strengen gesellschaftlichen Regelungen. Sie durften an vielen öffentlichen Aktivitäten nicht teilhaben. Beispielsweise war es Ihnen untersagt, auf den Feldern zu arbeiten. Daher waren die Bauern auf die Arbeitskraft ihrer Söhne stark angewiesen. Auf diese aber wiederum zielte die neu eingeführte Wehrpflicht und brachte die Bauern noch weiter in wirtschaftliche Nöte.[26]

In den 1860er Jahren vermehrte sich das Bandenunwesen. Es mischten sich politische Kämpfer, Wehrdienst-Deserteure und Kleinkriminelle.

Mit der Einigung wurden in Sizilien die Verwaltungsstrukturen geändert. Die zentrale Administration der Bourbonen wurde durch mehrere, regionale Verwalter ersetzt, da so der sizilianische Patriotismus besser eingedämmt werden sollte. Doch diese komplizierte Struktur mit ihren schlechten Kommunikationswegen begünstigte die Ausbreitung des Brigantenwesens. Verbrecher konnten in der einen Region ihre Taten begehen und sich darauf in einem anderen mit eigener Gerichtsbarkeit ausgestattetem Ort zurück ziehen.

Die Arten des Verbrechens waren vielfältig. Zwar richtete sich ein Großteil der Kriminalität gegen reiche Bürger, doch auch die armen wurden nicht verschont. Arbeiter im Schwefelbau wurden erpresst und mussten einen Teil ihres Lohnes übergeben und Hirten sowie Bauern mussten Abgaben leisten. Gewalt wurde alltäglich und andere Bevölkerungsgruppen übernahmen diese Methoden. Grundeigentümer heuerten Schlägerbanden an, um Gelder einzutreiben und ihre Arbeiter in Schach zu halten. Sie nutzten diese Möglichkeiten sehr effektiv und Finley schließt daraus: „Die aufkommende ländliche Mittelschicht wurde auf diese Weise so mächtig wie nie zuvor.“[27]

Die Verwalter aus dem Norden Italiens sahen hinter diesen Verbrechen die Mafia agieren, eine kriminelle Organisation. Doch wahrscheinlich gab es zu diesem Zeitpunkt nur einzelne Mafioso und keine zusammenhängende Organisation. In der sizilianischen Gesellschaft begann man den Begriff „Mafia“ nun positiv zu Verknüpfen. Dahinter sah man Schönheit und Unabhängigkeit[28]. Eine Welt aus Banditentum, Blutrache und Omertà bildete sich heraus.

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts nahmen einige Brigantenbanden große Ausmaße an. Carmine Crocco, ein enttäuschter Anhänger Garibaldis[29], befehligte bis zu 43 Banden mit tausenden Mitgliedern. Diese verfügten über Rückhalt in der Bevölkerung und attackierten Landbesitzer und Angehörige der Obrigkeit.

3. Die Jahre nach der Vereinigung

Die Schwächen des italienischen Staates waren in den 1860er Jahren offensichtlich. Der Ruf des Landes hatte sich verschlechtert. Italien galt als wirtschaftlich rückschrittlich und das verschreckte potentielle Investoren. Lucy Riall sieht einen Fehler in der Nichteinbindung Roms und Venetiens bei der Ausrufung der Republik. „Rome was an especially potent symbol of Italian unity and strength, and its absence from liberal Italy was felt acutely.”[30] Im Jahre 1870 wurde Rom schließlich der neuen Republik angeschlossen, da die Franzosen im deutsch-französischen Krieg unterlagen.  

Der italienische Ministerpräsident Mario Minghetti war im Einigungsprozess als Gegner der Zentralstaatslösung aufgefallen. Er erkannte die Probleme Süditaliens und versuchte gegen das Brigantentum vorzugehen. Nach kurzer Amtszeit verlor er 1864 die Wahl. Eine seiner letzten Amtshandlungen war die Einsetzung einer Kommission, die die Lage Siziliens analysieren sollte.

3.1. Studien

3.1.1. Das Bonfadini-Komitee

 „Dieses nach dem Leiter Romualdo Bonfadini benannte Komitee gab sich jedoch nur so viel Zeit, wie für eine oberflächliche und rasche Untersuchung notwendig war, die sich auf offizielle Angaben stützte oder aber auf die Aussagen der lokalen notabili, denen natürlich an nichts mehr gelegen war, als an einer Vertuschung der wirklichen Ursachen.“[31]

Das Ergebnis der Kommission war schließlich, dass Sizilien keinerlei politischer Maßnahmen bedurfte, da der Lebensstandard und auch die Kriminalität so hoch wie in den anderen italienischen Regionen seien. Finley vermutet dahinter, dass durch eine positive Berichterstattung die sizilianische Elite umschmeichelt werden sollte.

3.1.2. Die Sonnino/Franchetti-Studie

Die toskanischen Landeigentümer Sidney Sonnino und Leopoldo Franchetti schrieben einige Jahre später eine genauere Analyse unter dem Titel „La Sicilia nel 1876“. Sie warfen einen Blick auf die dunklen Seiten der sizilianischen Gesellschaft, auf die Kriminalität und auf die Hilflosigkeit der Behörden.[32]

Die feudalen Strukturen prägten die Menschen in Sizilien. Korruption, Dekadenz und Steuerunterschlagung waren an der Tagesordnung. Die Verwaltung war den Problemen nicht gewachsen. Abschließend betrachteten Franchetti/Sonnino wie der Übergang vom Feudalismus zur Republik in den anderen europäischen Staaten vor sich ging. In Deutschland, Frankreich, England und Irland gab es Landreformen. In Sizilien wurde nach der Einigung darauf verzichtet. Die Bauern wurden zwar rechtlich frei; doch sie gewannen nichts, sondern verloren nur die Bindung an die alten Barone.

Die Mittel, die die italienische Regierung in den ersten fünfzehn Jahren ihrer Regierung anwandte, wurden als nicht ausreichend erkannt. Die Autoren der Studie forderten, dass der Reichtum besser verteilt werden müsste. Dadurch würden zwar nicht alle Probleme auf Anhieb verschwinden, doch wäre das der erste Schritt um zusammen mit anderen Reformen Sizilien in eine bessere Zukunft zu führen.[33]

Der Bericht klagte sowohl die italienische Regierung als auch die sizilianischen Machthabern an. Die politische Klasse reagierte daher negativ und die Erkenntnisse blieben folgenlos.

3.2. Wandel im 20. Jahrhundert

1903 übernahm Giovanni Giolitti zum zweiten Mal den Posten des italienischen Ministerpräsidenten. Italien erlebte einen Aufschwung durch die Industrialisierung, doch Sizilien hatte nur mäßig daran teil.

„Bis 1910 war ein gewisser Wandel zum Besseren erkennbar, vor allem änderte sich allmählich die Haltung des Nordens. Noch gab es gelegentlich die Tendenz, ein Versagen der Regierungsbemühungen damit zu begründen, daß Sizilien in mancher Hinsicht unverbesserlich minderwertig sei, doch konnten es sich, da nunmehr die Industrialisierung im Norden weit fortgeschritten war, andere Italiener leisten einzugestehen, daß eine Hebung des Lebensstandards im Süden möglich wäre und allen Seiten zugute käme.“[34]

Positiven Einfluss hatte es auch, dass die Bauern durch die Bildung von fasci[35] mehr an Selbstvertrauen gewonnen hatten. Es wurden bessere Verträge ausgehandelt und es bildeten sich erste Kooperativen, die die technische Entwicklung in der Landwirtschaft voran trieben und günstige Kredite vergaben.

Ökonomische Veränderungen brachte auch eine große Emigrationswelle. Ungefähr 1,5 Millionen Sizilianer verließen in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg das Land und wanderten in die USA, nach Südamerika oder nach Nordafrika aus. Viele dieser Emigranten sandten Geldbeträge in die Heimat und Sizilien konnte durch diese Zahlungen stark profitieren. Durch die Auswanderung wurden Arbeitskräfte knapp und die Löhne stiegen von 1905 bis 1911 um ca. ein Drittel.[36]

3.3. Die Autonomie         

Durch den ersten Weltkrieg fiel Sizilien wirtschaftlich wieder zurück. Die exportorientierte Wirtschaft litt unter den beschnittenen Handelsmöglichkeiten in der Kriegszeit und die Wehrindustrie war in der Region nur schwach vertreten.

Mit der Machtergreifung Mussolinis verlor Süditalien noch weiter an Bedeutung. Mussolinis Interesse galt vor allem der Industrie und damit flossen die Investitionen in erster Linie in den Norden. Es wurde zwar versucht, im Süden die landwirtschaftliche Produktion zu verbessern, doch diese Projekte waren nicht sonderlich erfolgreich.

Nach dem 2. Weltkrieg erkannte die italienische Regierung separatistische Strömungen in Sizilien. Um den Abfall zu verhindern, wurde der Region Autonomie gewährt. Doch die wirtschaftlichen Erfolge waren geringer als erwartet.

Von dem Beitritt zur europäischen Wirtschaftsgemeinschaft profitierte in erster Linie der italienische Norden. Die sizilianische Ökonomie setzte das weiter unter Druck, da die landwirtschaftlichen Güter nicht immer konkurrenzfähig waren. Die industrielle Entwicklung im Süden war ebenfalls enttäuschend. Ab 1958 flossen zwar 40% der staatlichen Investitionen nach Sizilien, doch diese brachten dennoch wenig Besserung. Zum einen wurde häufig in große Projekte investiert, die nicht immer sinnvoll waren. Anna C. Thode spricht von „Kathedralen in der Wüste“[37]. Zum anderen versickerte ein Teil der Gelder in die Hände der organisierten Kriminalität.

Ein weiterer Effekt der subventionierten Großfirmen war das Verschwinden kleiner und mittlerer Betriebe, da jene ohne staatliche Finanzierung nicht konkurrenzfähig waren. Gerade die gesunden Klein-Betriebe waren im Nordosten Italiens ein Standortvorteil.[38]

Die „Istituto Regionale per il Finanziamento alle Industrie in Sicilia“ sollte kleinen und mittleren sizilianischen Betrieben Kredite gewähren, erkannte aber nach einiger Zeit, dass mit großen ausländischen Firmen bessere Geschäfte abzuschließen waren und verfehlte so ihren Zweck.[39]

Die Region blieb weiterhin arm, doch die Sorgen traten in neuer Form auf. Die klassischen auf Landwirtschaft basierenden Machtstrukturen verschwanden und wurden ersetzt durch den rücksichtslosen Wettbewerb um Steuermittel. Finley schreibt:

„Jahrhundertelang hatten die Bauern von eigenem Land geträumt, doch brachten die 50er Jahre neue Aussichten mit sich, so daß sich die Werte einer städtischen Verbrauchergesellschaft durchsetzten. Macht erkannte man nicht mehr am Landeigentum, sondern am Luxusappartement, an der Rolex-Uhr und am Mercedes.“[40]

4. Fazit

Im 13. Jahrhundert erlebte Sizilien eine Blütezeit. Doch die nachfolgenden Entwicklungen sollten sich äußerst ungünstig auf die Insel auswirken. Weltpolitische Ereignisse, wie die Entdeckung des amerikanischen Kontinentes durch die Europäer, drängten Sizilien in eine politisch unbedeutende Lage. Die verschiedenen Herrscher, die bis 1860 regierten, versuchten vor allem den Status Quo zu erhalten.

Es wurden daher gesellschaftliche und technische Entwicklungen verpasst. Die Folge war Armut. Ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Staat bildete sich aus:

„C’è la grandine, le frane, la siccità, la malaria, e c’è lo Stato. Sono die mali inevitabili, ci sono sempre stati e ci saranno sempre. […] Per i contadini, lo Stato è piú lontano del cielo, e piú malign, perché sta sempre dall’atra parte”[41]

Die Vereinigung weckte kurzzeitig Hoffnung auf Besserung, die aber schnell enttäuscht wurde.

Piemont war aufgrund seines wirtschaftlichen Aufstieges voller Selbstvertrauen und sah seine Gesetzgebung als überlegen an. So war es für Cavour naheliegend, als schnelle Entscheidungen verlangt waren, die piemonteser Verfassung auf alle italienischen Regionen zu übertragen. Es wurde dabei übersehen, dass die Verfassung des entwickelten Industriestaates nicht zu der landwirtschaftlich dominierten Region passte.

Diese Fehlentscheidung wurde durch die sizilianische Elite gedeckt. So lag es nicht in ihrem Interesse, Probleme, wie sie die Sonnino/Franchetti-Studie aufzeigten, zu lösen.

 „Specifically the absence of agrarian reform allowed the Southern nobility to survive alongside a weak middle class, thereby curtailing the process of democratization in the South.”[42]

Im Roman „Il Gattopardo“ analysiert Don Frabricio, der Fürst von Salina, die Einstellung der Sizilianer. Er sieht nicht, dass sie das Land verändern wollen und gibt sich und seinen Landsleuten die Hauptschuld am Dahinsiechen der Insel. Er führt aus:

„[…] Schlaf, das ist es, was die Sizilianer wollen, und sie werden denjenigen hassen, der sie wecken möchte, sei es auch nur, um ihnen die kostbarsten Geschenke zu bringen; und, unter uns gesagt, ich hege starke Zweifel, daß die neue Regierung viele Geschenke für uns in ihrem Gepäck hat.“[43]

Nach dem 2. Weltkrieg wurde Sizilien der Status einer autonomen Region gewährt, doch viel änderte sich nicht. Nun wurde offensichtlich, dass die ökonomischen Schwächen der Insel nicht alleine auf fremde Herrschaft zurück zu führen sind, sondern dass die traditionellen Strukturen der Gesellschaft die Probleme begünstigten.[44]

 

 

 

Literaturverzeichnis

 

Beales, Derek – The Risorgimento and the Unification of Italy, second Edition. Harlow, 1981.

Finley / Mack Smith / Duggan: Geschichte Siziliens und der Sizilianer. München, 1989.

Hausmann,  Friederike: Garibaldi – Die Geschichte eines Abenteurers, der Italien zur Einheit verhalf. Berlin, 1985.

Riall, Lucy – Sicily and Unification of Italy: Liberal Policy and Local Power, 1859-1866. Oxford, 1998.

Riall, Lucy –  Risorgimento – The History of Italy from Napoleon to Nation State. Basingstoke, 2009.

Thode, Anna Charlotte –  Italien – Nord und Süd : die Questione meridionale in der politischen Theorie. Berlin, 2009.

Tomasi di Lampedusa, Guiseppe: Der Gattopardo. München, 2005.

Von Treitschke, Heinrich – Cavour. Leipzig, 1939.

 

 

Internetquellen

 

Quelli Del Cavour Biblioteca – Franchetti/Sonnino – “La Sicilia del 1876” http://sites.google.com/site/quellidelcav/

[1] Vgl. Treitschke (1939), S. 17.

[2] Vgl. Hausmann (1985), S. 32.

[3] Vgl. Finley (1989), S. 263-264.

[4] Vgl. Finley (1989), S. 247, S. 262.

[5] Vgl. Hausmann (1985), S. 35.

[6] Riall (2009), S. 84.

[7] Vgl. Hausmann (1985), S. 117.

[8] Vgl. Riall (2009), S. 144.

[9] Vgl. Rial (2009), S. 126.

[10] Vgl. Finley (1989), S. 293.

[11] Vgl. Riall (1998), S. 118.

[12] Vgl. Hausmann (1985), S. 142.

[13] Vgl. Finley (1989), S. 301.

[14] Riall (1998), S. 134.

[15] Vgl. Hausmann (1985), S. 144.

[16] Riall (1998), S. 135.

[17] Ebd.

[18] Derek Beales (1981), S. 165.

[19] Vgl. Finley (1989), S. 301.

[20] Vgl. Finley (1989), S. 315.

 [21] Finley (1989), S. 316.

[22] Riall (2009), S. 109.

[23] Hausmann (1985), S. 136.

[24] Vgl. Hausmann (1985), S. 136.

[25] Vgl. di Lampedusa (2005), z.B. S. 196. Dort wird der bürgerliche Aufsteiger Sedàra für den Senat empfohlen.

[26] Vgl. Finley (1989), S. 294.

[27] Finley (1989), S. 296.

[28] Vgl. Finley (1989), S. 286.

[29] Crocco schloss sich Garibaldi nicht aufgrund politischer Gründe an, sondern weil er als ein verurteilter Mörder auf eine Begnadigung hoffte. Diese wurde zwar versprochen, aber nie durchgeführt.

[30] Lucy Rial (2009), S. 147.

[31] Finley (1989), S. 307.

[32] Vgl. Franchetti/Sonnino (1876), §22.

[33] Vgl. Franchetti/Sonnino (1876), §116 und §127-129.

[34] Finley (1989), S. 326.

[35] Die fasci waren Zusammenschlüsse, ähnlich einer Gilde, die von den verschiedensten politischen Gruppierungen unterstützt wurden.

[36] Vgl. Finley (1989), S. 329.

[37] Thode (2009), S. 30

[38] Vgl. Thode (2009), S. 30.

[39] Vgl. Finley (1989), S. 355.

[40] Finley (1989), S. 365/6.

[41] Thode (2009), S. 29. „Es gibt Hagel, Erdrutsche, Dürre, Malaria, und es gibt den Staat. Es sind unabwendbare Übel die schon immer da waren und es immer sein werden. […] Der Staat ist für die Bauern ferner als der Himmel und auch böser, denn er ist immer gegen sie.“ Übersetzung ebenfalls aus Thode (2009).

[42] Riall (1998), S. 11.

[43] Tomasi di Lampedusa (2005), S. 193.

[44] Vgl. Finley (1989), S. 355.