Kriege und Aufstände in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Geschichte Thailands 10)

Grand Palace, Bangkok
Grand Palace, Bangkok

1910 verstarb Chulalongkorn und Vajiravudh, Rama VI., folgte auf dem Thron. Der neue König setzte kurz nach Amtsantritt viele Reformen im gesellschaftlichen Bereich um: Neben dem buddhistischen Kalender galt nun auch der Gregorianische; Familiennamen wurden eingeführt, die oftmals aus dem Sanskrit oder Pali entlehnt wurden.

Der König, der eine englische Universität besucht hatte, förderte zwar einzelne westliche Kulturgüter, wie beispielsweise die Mode, doch setzte er auf eine eigene, thailändische Identität.

Der Vielvölkerstaat aus Siamesen, Laoten, Tai Yuan, Khmer, Malaien und Chinesen sollte unter der Trinität Nation, Buddhismus und König geeint werden. Ein neuer Nationalismus entstand, den Rama VI. mit Gedichten, Zeitungsartikeln, Liedern und Reden anheizte.

Die Haltung des Königs gegenüber dem chinesischen Bevölkerungsanteil war widersprüchlich. Auf der einen Seite veröffentlichte er unter einem Pseudonym einen Zeitungsartikel, indem er die Chinesen als „Juden des Ostens“ bezeichnete und mit negativen Attributen, wie geldgierig und opportunistisch, belegte. Auf der anderen Seite sind auch freundliche Worte des Königs über die Chinesen überliefert.

Thailand war chronisch unterbevölkert und auf Zuwanderung angewiesen. Die chinesischen Zuwanderer erschienen ihm im Vergleich zu anderen möglichen Immigranten als am besten in die thailändische Kultur integrierbar. Ihre Einwanderung wurde gefördert, doch mussten die Chinesen sich zum König bekennen, die thailändische Sprache nutzen und ihre Familiennamen thaiisieren lassen.

Der 1. Weltkrieg brach aus. Zunächst blieb Thailand neutral, doch kurz nach Kriegseintritt der USA im Juli 1917 erklärte es dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn den Krieg. Einige Soldaten wurden nach Frankreich abgestellt und deutsches Eigentum in Thailand beschlagnahmt. Die deutschen Mitarbeiter der Administration wurden entlassen.

Der thailändische Außenminister Prinz Devawongse Varopakar nutze die Friedenskonferenz in Versailles, um auf Augenhöhe mit den westlichen Mächten verhandeln zu können. Als Berater stand ihm Francis B. Sayre zur Seite, dem Schwiegersohn des damaligen amerikanischen Präsidenten, Woodrow Wilson. Nach vielen Jahren der Verhandlungen gelang es den Thailändern die ungleichen Verträge, die ihnen von den westlichen Staaten und Japan aufgedrängt wurden, außer Kraft zu setzen: Alle Länder verzichteten auf ihre exterritorialen Ansprüche und Siam machte einen großen Schritt in die Unabhängigkeit.


Die Wirtschaftskrise von 1929 erschütterte Thailand. Auf dem Weltmarkt sank der Reispreis stark; dadurch waren viele Bauern nicht mehr in der Lage ihre Verbindlichkeiten zu begleichen und mussten ihr Land verkaufen. Die Bodenpreise fielen. Dieser Abwärtsstrudel traf die Steuereinnahmen – der Staatshaushalt wurde um ein Drittel gekürzt.

Der Unmut wuchs in der Bevölkerung und 1932 kam es zum Staatsstreich. Eine Gruppe von Offizieren und zivilen Autoritäten erkämpfte eine Neuordnung des Staates. Der König verlor einen Großteil seiner Befugnisse und behielt in erster Linie seine repräsentative Funktion. Die Gesetzgebung wurde an eine Volksversammlung delegiert, die anfangs benannt, später aber gewählt wurde. Die neue Verfassung schaffte es nicht, dem Land Stabilität zu geben. Es folgte eine politisch ungeordnete Phase mit weiteren Putschen. Rama VII. dankte 1935 freiwillig ab, da er sich nicht mehr in der Lage sah, in dem Chaos seine Ideen umsetzen zu können.

Im Jahre 1934 übernahm Phibun Songkhram die Macht im Land. Er errichtete ein nationalistisches Regime, das an die anderen autoritären Systeme dieser Zeit erinnerte: Die Vergangenheit wurde verherrlicht, das Militär gestärkt und die Nachbarländer bedroht.

Aus der nationalistischen Zeit stammen einige sprachliche Neuerungen, die noch heute im Gebrauch sind:

Siam wurde in Thailand umbenannt und verdeutlichte damit den Anspruch, das Land aller Tai-Völker zu sein.

Es sind die geschlechtsspezifischen Höflichkeitspartikel „khrap“ für Männer und „khap“ für Frauen beibehalten worden, die thailändischen Sätzen beigefügt werden können.

Die Grußformel „sawatdi“ ist ein Lehnwort vom Sanskrit-Wort „savit“ und kann mit „Heil“ wieder gegeben werden.

Im 2. Weltkrieg suchte Thailand die Nähe zu Japan. Phibun war der Meinung, dass sich eine neue Weltordnung herausbilden würde: Kleine Staaten würden verschwinden und große Machtblöcke entstehen. Daher versuchte die Führung, die zwischen 1893 und 1909 an Frankreich und England abgetretenen Gebiete, u. a. in Kambodscha und Laos, wiederzuerlangen.

1940 kam es zu offenen Kampfhandlungen zwischen Thailand und Frankreich. Die Franzosen konnten Teile der gegnerischen Flotte zerstören, doch an Land waren sie in der Defensive. Auf Druck von Japan wurden nach 2 Monaten die Kämpfe abgebrochen und die Kontrahenten einigten sich am Verhandlungstisch über Gebietsabtretungen. Das Bündnis mit Japan brachte weitere Schwierigkeiten für Phibun mit sich. So wurde verlangt, dass Thailand den befreundeten Nationen Großbritannien und den Vereinigten Staaten von Amerika den Krieg erklärt. Unter Zögern folgte Thailand 1942 dem japanischen Wunsch. Die Entscheidung sorgte für Unruhe in der Regierung und Finanzminister Pridi Phanomyon und Außenminister Direk Jayanama legten ihre Ämter nieder.

Nach dem Gesetz hätte Pridi die Kriegserklärung unterschreiben müssen, da er einer der Thronregenten des minderjährigen Königs Ananda war. Er weigerte sich bis zuletzt. Daher ließ Phibun seine Unterschrift fälschen.

Pridi führte ab 1943 die Bewegung Seri Thai („Freies Thailand“) an, die sich gegen das Bündnis mit Japan stellte. Der 2. Weltkrieg schadete Thailand mehr als er nutzte. Zwar konnten kleine Landgewinne erzielt werden, doch die Wirtschaft wurde extrem geschädigt. Die Exportmöglichkeiten waren stark eingeschränkt und die Währung wurde geschwächt. Zudem verlangten die Japaner Unterstützung bei aufwendigen Bauprojekten. Eines dieser Projekte ist in dem Film „Die Brücke am River Kwai“ verfilmt worden.

River Kwai
Brücke am River Kwai (Foto: Wikimedia Commons, Spielvogel)

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Beim Bau des 415 km langen Schienenweges zwischen Myanmar und Thailand wurden schätzungsweise 240.000 Zwangsarbeiter aus Südostasien sowie 60.000 Kriegsgefangene eingesetzt. Viele der Arbeiter verloren zwischen 1942 und 1945 ihr Leben: Schätzungen gehen von über 100.000 Todesfällen aus.

Phibun ließ Pridi und die Seri Thai Bewegung gewähren. Auch innerhalb des Volkes regte sich Widerstand gegen das Bündnis mit Japan. Die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse und die Gedanken Phibuns eine neue Hauptstadt in der nördlichen Provinz Phetchabun zu gründen, sorgten für Empörung. 1944 musste Phibun zurücktreten. Thailand konnte sich von Japan distanzieren. Nach der Kapitulation Japans am 15. August 1945 nahm Pridi als Thronregent die Kriegserklärung an Großbritannien und den USA zurück.

Die USA sahen in Thailand keinen Feindesstaat. Die Kriegserklärung erhielt den Formfehler, dass Pridi sie nicht unterschrieben hatte; zusätzlich wurde sie auch nie offiziell übergeben.

Die Briten bewerteten den Vorgang anders. Sie forderten Gebiete in Myanmar und Malaysia zurück. Thailand musste 1,5 Millionen Tonnen Reis an die britischen Kolonien liefern. Zusätzlich musste die neue Regierung zusichern ohne englische Einwilligung keinen Kanal zwischen dem Golf von Thailand und der Andamanensee zu bauen, damit britische Besitzungen, wie Penang, nicht ihre günstige strategische Lage einbüßten.

Den Franzosen wollte die thailändische Regierung die eroberten Gebiete nicht zurückgeben. Erst nach einigem hin und her wurden 1947 Territorien in Laos und Kambodscha übergeben. Der Preah Vihear Tempelkomplex blieb vorerst in thailändischer Hand, wurde aber 1962 nach einem Urteil des Internationalen Gerichtshofes Kambodscha zugesprochen.

Literatur (mit Amazon-Affiliate-Links):

Hier geht es zu Teil 9: Thailand im 19. Jahrhundert
Teil 11: Die Nachkriegszeit

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