Die Rolle des Opiumhandels in der Frühzeit der britischen Kolonie Hongkong

Entwicklungen in China bis zur Übernahme Hongkongs durch die Briten

Das 19. Jahrhundert gilt als eines der dunkelsten in der chinesischen Geschichte. Das Kaiserreich war mit einer Vielzahl von innen- und außenpolitischen Problemen konfrontiert und war nicht in der Lage, sie zu lösen. Eine wirtschaftliche Rezession und der blutigste Bürgerkrieg der Geschichte setzte der Bevölkerung zu. Doch wahrscheinlich noch verheerender war der Eingriff der ausländischen, imperialistischen Mächte aus Europa, Amerika und Japan, die dem Reich der Mitte mit militärischem Druck immer weitere Zugeständnisse abtrotzten. In der Nachbetrachtung wird diese Zeit als die „100 Jahre der nationalen Demütigung“ angesehen. Doch wie konnte es dazu kommen? Denn die Ausgangslage zu Beginn des 19. Jahrhunderts war durchaus positiv.

In der Zeit von 1700-1800 wuchs die Bevölkerung in China von 275 auf 375 Millionen. Dabei nahm auch der Wohlstand zu. Die Qing-Herrscher griffen wenig in die Wirtschaft ein und der Arbeits- und Gütermarkt wurde wenig reguliert.[1]

Ein guter Indikator für Reichtum ist die Kalorienzufuhr pro Kopf. Die wird für diese Periode auf ungefähr 2000 Kilokalorien geschätzt; ein Wert, der in England erst im 19. Jahrhundert erreicht wurde.[2] Durch Innovation in der Landwirtschaft, wie dem Anbau von Süßkartoffeln, konnte eine zunehmende Anzahl an Menschen ernährt werden. Durch eine verbesserte Infrastruktur gelang es nicht nur schlechte Ernten auszugleichen, sondern es konnten auch urbane Zentren versorgt werden, deren Einwohner sich frei von der Arbeit auf den Äckern der Produktion widmen konnten.[3]

Die Lebenserwartung lag für Männer bei 35 bis 40 Jahren und bei Frauen leicht darunter. Damit war sie ähnlich hoch wie in Europa und Japan. Die Landverteilung war gleichmäßiger, und bedeutete damit für die Chinesen ein gewisses Maß an Wohlstand und Sicherheit.[4]

In China florierten Landwirtschaft, Handwerk und Handel, doch zeitgleich in Europa waren die Veränderungen in einigen Bereichen noch gravierender. Wirtschaftliche und politische Revolutionen führten zu einem enormen Aufschwung. Die europäischen Seefahrernationen nutzten ihren technischen Fortschritt nicht nur um ein globales Handelsnetzwerk einzurichten, sondern auch um politischen Einfluss in wichtigen Regionen der Welt zu gewinnen. Im asiatischen Raum erlangten besonders die Briten und Niederländer, mit ihren großen Handelskompanien, Einfluss auf wichtige Handelsposten.

Die chinesische Warenwelt war für die Europäer von besonderem Interesse. Neben Seide und Porzellan war es vor allem der Tee, den besonders die Briten sehr liebten und zu ihrem Nationalgetränk machten. China sollte bis 1910 der größte Teeproduzent der Welt bleiben. [5]

Die Bezahlung erfolgte zunächst über Silber und der hohe Geldfluss in das Reich der Mitte sorgte dafür, dass das Asiengeschäft für die Briten wenig profitabel wurde. Die 2 Millionen Pfund jährliche Überschüsse zwischen 1780 und 1790 aus dem kombinierten indisch-chinesischen Handel standen den 28 Millionen Pfund gegenüber, die allein die Kolonisierung Indiens gekostet hatte.[6]

Die Briten suchten nach Möglichkeiten, den Silberabfluss nach China zu verhindern, doch nur wenige Produkte der Europäer waren für die Asiaten attraktiv. Durch ihre geographische Ausdehnung quer durch viele Klimazonen, hatten die Chinesen Zugriff auf ein reiches Angebot an Ressourcen. Kaiser Qianlong, der von 1735 bis 1796 regierte, erklärte dem britischen König George III:

„[…]our Celestial Empire possesses all things in prolific abundance and lacks no product within its own borders’ and ‘there was therefore no need to import the manufactures of outside barbarians in exchange of our own produce.“[7]

Die Geringschätzung des Kaisers zeigte sich unter anderem dadurch, dass er den Handel über die im Süden liegende Stadt Kanton leiten ließ – weit weg von der Hauptstadt Peking.[8]

Im 18. Jahrhundert wurde zunächst Baumwolle aus Indien in das Qing-Reich verkauft. Die chinesische Textilindustrie war im Aufschwung und benötigte große Mengen an Rohstoffen. Die Händler konnten stets mit vollen Schiffen reisen: sie brachten die Baumwolle von Indien nach China, transportierten den Tee von China nach England und Werkzeuge von England nach Indien.

Doch zum Ende des Jahrhunderts brach die Nachfrage nach Baumwolle ein. China hatte seine eigene Baumwollproduktion in Gang gesetzt und die Ökonomie hatte eine Schwächephase – mit der Folge, dass weniger Rohstoffe benötigt wurden. Doch Indien hatte ein weiteres Gut, dass in China sehr begehrt war und das für die Engländer eine noch viel bessere Einnahmequelle bedeuten sollte: Opium.[9]

Auch vor dem Eintreffen der Europäer war Opium in China schon bekannt. Die erste Erwähnung findet sich in einem medizinischen Handbuch aus der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts. Es wurde gegen die unterschiedlichsten Krankheiten, von Diarrhoe über Arthritis und Malaria bis hin zu Diabetes eingesetzt. Die Darreichungsformen waren unterschiedlich: es wurde mit den verschiedensten Beigaben gegessen oder getrunken. Ab dem 11. Jahrhundert wurde Opium, nicht nur wegen dem medizinischen Nutzen, sondern auch zum Vergnügen konsumiert.[10]

Es war die Oberschicht, die das Opiumrauchen als „schicken“ Lifestyle entwickelte. Die Einsatzgebiete waren vielfältig: Gastgeber boten das Rauschmittel ihren Gästen an, es wurde neben der „sing-song“-Prostitution genutzt oder es wurde als Ablenkung zum Leben am chinesischen Kaiserhof gebraucht. Es entstanden Opiumhäuser, die durchaus luxuriös ausgestattet sein konnten und in denen Gruppen neben Tee und kleinen Speisen auch Opium konsumieren durften.[11]

War das teure Opium für lange Zeit nur der Oberschicht vorbehalten, so wurde es durch Preissenkungen in den 1830er-Jahren auch für die unteren sozialen Klassen verfügbar.[12] Wie viele Chinesen tatsächlich Opium nutzten, bleibt unklar. Anhand der verkauften Menge können Schätzungen durchgeführt werden, doch die Zahlen unterscheiden sich je nach Annahmen extrem. Denn es ist unklar, wie häufig die Konsumenten im Durchschnitt Opium nutzten und welche Mengen dabei verwendet wurden. Die höchsten Schätzungen gehen von 60% Opiumnutzer in der Bevölkerung in der Hochphase aus.[13]

Auch ohne die genaue Zahl der Opiumkonsumenten zu kennen, ist es deutlich, dass die Droge einen Einfluss auf die chinesische Gesellschaft hatte. Neben Erfahrungsberichten von Europäern und Chinesen, finden sich in der Literatur Hinweise darauf. Während Anfang des 19. Jahrhunderts Autoren Opium vor allem preisten, wurden nach und nach auch die negativen Seiten schriftstellerisch beleuchtet. Aufklärungspoetik sollte die Gefahren des Opiums dem einfachen Mann nahebringen.[14] Der Historiker Trocki sieht im Rauschmittel einen wichtigen Grund, warum die Chinesen im 19. Jahrhundert von anderen Ländern abgehängt wurden.[15]

In Europa wurde die moralische Komponente des Opiumhandels ebenfalls diskutiert. Doch es gab für die Briten Schlupflöcher aus dieser Diskussion: Zum einen würden sie nur eine bestehende Nachfrage befriedigen.[16] Und zum anderen kontrollierten sie zwar den Drogenhandel, doch das Versenden der Pakete von Indien nach China übernahmen sie nicht selbst, bzw. die East India Company, die bis 1834 das Handelsmonopol inne hatte, sondern unabhängige Partner, die sogenannten „country trader“, die oft von schottischen und englischen Kaufleuten betrieben wurden.[17]

Daneben verdienten auch Händler aus Asien an dem Rauschmittel und wurden zu einer starken Konkurrenz für die Europäer. Bis zum Opiumkrieg stellten die Parsi, indische Zoroastrier, eine der größten ausländischen Gemeinden in der Stadt und konnten unter ähnlichen Bedingungen wie die Engländer handeln.[18]

Durch den lukrativen Handel wurden technische Innovationen angetrieben. Anfangs waren die aus Indien kommenden Schiffe große Teak-Boote mit einer Kapazität von 700 bis 1200 Tonnen. Nach und nach wurden sie ersetzt durch kleinere, geschmeidige Schiffe, die zu den schnellsten und wehrfähigsten ihrer Zeit gehörten. Sie waren darauf optimiert, ihre Fracht schnell zu liefern und notfalls auch Gefechte gegen Piraten oder Konkurrenten zu überstehen.[19]

Ganz im Gegensatz zum Aufschwung des Opiumhandels, erlebte die restliche chinesische Wirtschaft eine schwierige Zeit. Kaiser Daoguang sah sich in seiner Regierungszeit von 1820 bis 1850 mit vielen innen- und außenpolitischen Problemen konfrontiert, von denen die Wirtschaftskrise eines der Kernprobleme war. Die Bekämpfung der Weiße-Lotus-Rebellion zu Anfang des Jahrhunderts hatte große Teile des Staatsschatzes aufgezerrt[20] und damit den Handlungsspielraum der Qing-Administration eingeschränkt, auf die neuen Herausforderungen zu reagieren.

Das Land befand sich in einer langwierigen, schleichenden Rezession – die nach dem Kaiser benannte Daoguang-Depression. Die Gründe dafür sind in der Forschung umstritten.

Als Hauptgrund gilt für viele der Silberabfluss, der unter anderem durch den Opiumhandel verursacht wurde.[21] Doch für den Wirtschaftshistoriker Li Bozhong ist der nicht ursächlich. Denn Anzeichen für die Rezession finden sich in Äußerungen der Bevölkerung schon einige Jahre bevor das fehlende Silber Probleme bereiten hätten können – seit 1820.[22]

Nach dem Modell von François Simiand könnte die Daoguang-Depression mit langwierigen Konjunkturzyklen erklärt werden, die für fortgeschrittene Nicht-Moderne-Ökonomien typisch sind. Ähnliches findet sich im ganzen eurasischen Raum. In der Zeit von 1690 bis 1790 erlebte China eine wirtschaftliche Expansion mit Wachstum in allen Bereichen und steigenden Preisen. Anschließend allerdings finden sich im Vergleich zu Japan und Europa Unterschiede. Denn nach dem Modell würde man einen starken wirtschaftlichen Abschwung erwarten und nicht eine Stagnation, bei der nur einzelne Parameter sich verschlechtern.[23]

Wu Chengming, ein chinesischer Wirtschaftshistoriker, geht von einer Vielzahl an Ursachen für die Rezession aus: zum einen hält er den oben beschriebenen anhaltende Bevölkerungsdruck und die an ihre Grenzen gestoßene, landwirtschaftliche Produktion für wichtige Faktoren. Hinzu kamen weitere endogene Gründe, wie eine nachlassende Kaufkraft der chinesischen Konsumenten, die unter einer Deflation zu leiden hatten. Li Bozhong, führt zusätzlich noch klimatische Störungen an.[24]

An den modernen Analysen lässt sich erkennen, dass die wirtschaftlichen Probleme nicht einfach zu durchschauen und damit zu lösen waren.

Daoguang galt als ein Kaiser, der zur Unentschlossenheit neigte und Sündenböcke suchte.[25] Im Opium, dass zweifelsohne für viele Probleme verantwortlich war, machte er das Hauptproblem seines Reiches aus und ging dagegen vor.[26]

Es war nicht allein die Zersetzende Wirkung des Opiums, die den Machthaber zum Handeln bewog. Auch der dadurch verursachte Abfluss des Silbers sorgte offenkundig für Probleme.[27] Zwischen 1752 und 1800 flossen 105 Millionen Dollar durch Handelsgeschäfte nach China. Danach drehte sich der Silberstrom. Von 1808 bis 1856 verließen 384 Millionen Dollar das Land.[28]

Im Mai 1839 ereignete sich ein historischer Vorfall, der noch heute als wichtiger Tag im Kampf gegen die Drogen wahrgenommen wird. In der kleinen Küstenstadt Humen ließ der hohe, chinesische Beamte Lin Zexu 20.000 Kisten beschlagnahmtes Opium vernichten.[29] Das war der Auftakt zu einer Kette von Ereignissen, die zum 1. Opiumkrieg mit den Engländern führte.

Lin Zexu unterschätzte die Engländer. Er erkannte zwar ihre Stärke zur See, doch ging er davon aus, dass die chinesischen Häfen gut geschützt seien. Ihre Infanterie hielt er unter anderem aufgrund der engen, britischen Hosen, die die Bewegung einschränken würden, für kontrollierbar. Als die englische Flotte in Kanton einlief, dachte zunächst, dass es nur eine große Drogenschmuggel-Operation sei.[30]

In der Realität aber war der militärische Vorteil der Briten so groß, dass der Krieg einseitig war und von den Europäern schnell entschieden wurde. Die Briten blockierten kurz nach Kriegsausbruch Kanton und 1841 landeten sie in Hongkong und hissten dort ihre Flagge.[31] Die Chinesen lenkten schnell ein. Die Friedensverhandlungen führten zum Vertrag von Nanjing, der heute unter die „Ungleichen Verträge“ eingeordnet wird, also unter die Gruppe von Verträgen, die den Chinesen aufgedrängt wurden.

In diesem Vertrag verzichtete man darauf, den Opium-Handel in China zu legalisieren. Einen Hinweis darauf, dass das Rauschgift dennoch eine wichtige Rolle in dem chinesisch-britischen Konflikt hatte, findet sich im 4. Artikel. Dort wurde eine Schadensersatzzahlung für das von Lin Zexu im Jahre 1839 zerstörte Opium durchgesetzt.[32]

Die Briten wollten den Aufwand, den sie betrieben, um ihre Interessen im Reich der Mitte durchsetzen zu können, ersetzt haben. Daher wurden Reparationszahlungen in stattlicher Höhe festgelegt. Zusammen mit dem Schadensersatz forderten die Briten insgesamt 21 Millionen Silberdollar, die in Raten abgezahlt werden sollten.[33] Um das ins Verhältnis zu setzen: der Preis einer Kiste Opium schwankte im Jahr der Vertragsunterzeichnung je nach Herkunftsregion zwischen 570 und 835 Silberdollar je Kiste.[34] Gerade für das wirtschaftlich angeschlagene China war dies eine harte Forderung.

Für die historische Entwicklung wichtiger war allerdings die Öffnung der Häfen Kanton, Amoy, Foochowfoo, Ningpo und Shanghai.[35] Zuvor wurde der Handel der westlichen Staaten komplett über Kanton abgewickelt, doch durch diese Freihäfen wurden nun neue Geschäftsmöglichkeiten erschlossen. Langfristig profitierte vor allem Shanghai.

Doch auch die Region Kanton war von dem Vertrag betroffen. Da die Briten einen eigenen Hafen und Lagerräume benötigten, ließen sie sich die Insel Hongkong überschreiben.[36]

Obwohl die Niederlage die Situation in Ostasien stark änderte, zeigte sich die politische Elite in China recht gleichmütig. Im Gegensatz zu den Japanern, die eine Dekade später aus Erfahrungen mit den Europäern schnell lernten, wurde die militärische Unterlegenheit nicht zur Neuaufstellung genutzt. Das Land erlebte in der nachfolgenden Zeit eine weiterhin wirtschaftlich schwere Phase, Rebellionen und Bürgerkriege und neue Konflikte mit den Kolonialmächten.

Die frühen Jahre Hongkongs

Der Legende nach war Hongkong vor dem Eintreffen der Briten nichts weiter als ein kahler Fels, der von einigen wenigen Fischern und Piraten bewohnt wurde. Doch in Wirklichkeit durchlebte das Gebiet eine durchwachsene Entwicklungsgeschichte, die bis in das Neolithikum zurückreicht. In den 1830er-Jahren gab es mehrere Dörfer dort und landwirtschaftlichen Anbau. An den Küsten gab es einige größere Orte, die sogar über Märkte und Häfen verfügten. Schreine und Tempel wiesen darauf hin, dass die Gemeinschaft einen gewissen Stand der Entwicklung erreicht hatte.[37] 1841 lebten wahrscheinlich zwischen 5.000 und 7.000 Menschen auf der Insel.[38]

Hongkong als Kolonie war außergewöhnlich. Von Anfang an standen wirtschaftliche Interessen im Vordergrund, Bürokratie und „Big Business“ arbeiteten Hand in Hand. Ein alter Witz verdeutlicht die Hierarchie in der Stadt:

“Power in Hong Kong resides in the Royal Hong Kong Jockey Club; Jardine, Matheson & Co.; the Hongkong and Shanghai Banking Corporation; and the Governor.”[39]

Durch diese Ausrichtung unterschied sich auch die soziale Dynamik in der Stadt. Im Vergleich zu anderen Kolonialstädten gab es keine oder kaum Segregation nach Religion oder Ethnie.[40]

Auch wenn Hongkong nicht der kahle Fels war, änderte sich durch das Eintreffen der Briten viel in der Region. Hongkong wurde zu einer Boomtown. Ähnlich wie bei einer Goldgräberstadt auf dem amerikanischen Kontinent, lockte das Versprechen auf gutes Einkommen Leute an. Innerhalb eines Jahres verdoppelte oder verdreifachte sich die Einwohnerzahl. Die Infrastruktur entwickelte sich rasch: Anlegestellen für Schiffe, Warenhäuser, Geschäfte, Bordelle, Spielhöllen und Märkte entstanden. Auch die Verwaltung präsentierte sich ansprechend und baute luxuriöse Regierungsgebäude und Residenzen.[41]

Der Grund, dass Hongkongs so gut gedeihen konnte, war das Opium. Es war noch immer illegal und konnte daher nicht über die fünf Freihäfen eingeführt werden.[42] Daher wurde zunächst Hongkong von den Händlern angefahren und von dort wurde die Ware dann per Land oder zu Wasser weiter verteilt.

Ein Blick zurück: In den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts wurden weniger als 5.000 Kisten Opium jährlich nach Kanton geliefert. Doch das steigerte sich konstant. Vor dem 1. Opiumkrieg wurden bereits 40.000 Kisten erreicht.[43]

Durch die Sonderstellung Hongkongs wurde der Handel erleichtert und stieg nun noch einmal an. Da das Gebiet den Briten gehörte, konnten die chinesischen Behörden den Handel nicht unterbinden. Die Agenturen, deren Kerngeschäft der Opiumhandel war, konnten dort ungestört Lagerräume und Schiffe unterhalten. Mitte der 1840er-Jahre wurden mehr als 50.000 Kisten im Jahr importiert.[44]

Die Großhandelspreise sind im Vergleich zu den 1820er-Jahren, in denen Höchstpreise von 2.500 Dollar je Kiste in Kanton erzielt wurden, stark gefallen, sollten sich aber bis in die 1880er-Jahre ungefähr in dem Bereich 600 ± 200 Dollar bewegen. Eine Ausnahme bildeten die starken Kursrutsche von 1852 bis 1854, bei denen der Preis bis auf 310 Dollar fiel.[45]

In seinen Hochphasen übertraf der Opiumexports von Indien den kompletten Weinexport von Frankreich, Italien und Spanien im Wert. Es galt als die wertvollste Handelsware im 19. Jahrhundert.[46]

Das derart schnell die Kapazitäten erhöht werden konnten, lag an der hohen Lukrativität des Handels. Auch die Transportfirmen erzielten hohe Gewinne und konnten ein Schiff mit nur wenigen Fahrten von Indien nach China refinanzieren. Beim Kauf neuer Schiffe wurde dadurch die Schnelligkeit des Gefährts wichtiger als die Anschaffungskosten.

Eine neue Schiffsklasse entstand: die Clipper. Sie waren in der Lage den Monsunwinden zu trotzen und konnten innerhalb eines Jahres 3 Mal die Route fahren. Ein Beispiel für diesen neuen Typ ist die „Lanrick“. Das war ein 283 Bruttoregistertonnen-Clipper von Jardine, Matheson & Co., einer Agentur, die in Hongkong eine wichtige Rolle einnahm. Das in Liverpool gebaute Schiff kostete 13.000 Pfund. Auf einer Fahrt trug es 1.250 Kisten bengalischen Opiums im Wert von 200.000 Pfund nach China. Wenn man davon ausgeht, dass der Reeder 20 Silberdollar je Kiste Fracht erhielt, konnte er mit einer Fahrt die Hälfte der Anschaffungskosten wieder einspielen.[47]

Clipper Ly-ee-moon, gebaut für den Opiumhandel (Wikimedia Commons, Public Domain).

Dieses Beispiel ist aus mehreren Gründen vielsagend. Zum einen zeigt es konkret, wieviel Umsatz in dem Bereich generiert wurde und daraus lassen sich Bedürfnisse der Kaufleute ableiten – wie den Wunsch, das Geschäft abzusichern. Und gerade die Holding „Jardine, Matheson & Co“ ist besonders interessant, da sie in vielen Bereichen rund um den Opiumhandel aktiv war und früh den Schritt nach Hongkong unternahm.

Die beiden Schotten William Jardine und James Matheson gründeten die Firma 1832 in Kanton. Zuvor hatten sie mehrere Jahre in der namenhaften Handelsagentur „Magniac & Co“ zusammengearbeitet.[48] Der Schwerpunkt war, wie bei vielen in ihrem Bereich, der Handel mit Opium. Jardine, der Wert darauflegte, ein korrekter Geschäftsmann zu sein, rechtfertigte den Rauschgifthandel mit seiner Sympathie für den freien Markt. Für ihn war das Verbot etwas, was die Regierung gegen den Willen des Volkes durchgesetzt hat.[49]

Ihre Firma befasste sich nicht nur mit dem Import und Export, sondern auch mit den Geschäftsbereichen, die vom Handel benötigt wurden. Wie oben erwähnt war der Opium-Handel äußerst gewinnbringend, allerdings waren die Schiffe auch Gefahren ausgesetzt. Sie konnten von Piraten überfallen oder durch Naturgewalten zerstört werden. Daher unterhielten Jardines und Matheson auch eine Versicherung. Sie waren aber nicht die ersten. In Kanton gab es bereits seit 1805 Versicherungsunternehmen.[50]

Daneben gab es noch andere Bedürfnisse der Händler zu erfüllen. Sie benötigten die Möglichkeit Geld zu deponieren, zu versenden und bei Bedarf zu leihen. Jardines und Matheson hatten bereits bei ihrem vorherigen Arbeitgeber „Magniac“ diesen Bereich betreut und ausgebaut. Es wurde angeboten, was von einer modernen Bank dieser Zeit erwartet wurde. Neben dem Kerngeschäft waren das auch Inkasso- und Sachverwalter-Dienste, Services für Reisende und Brokering.[51]

Der Konzern erkannte früh die Chance, die Hongkong bot. Matheson sah den Vorteil, dass der Handel in Hongkong nicht von China gehemmt werden könne und Hongkong wäre einer der feinsten Häfen der Welt.[52]

Aus diesem Grund zogen sie bereits 1839 von Macau nach Hongkong. Zunächst nur temporär. Doch 1841 kauften sie ihr erstes Land dort. Nachdem Hongkong offiziell von den Briten annektiert wurde, schlugen sie 1844 ihr Hauptquartier auf der Insel auf. Daneben wurde ein weiteres Büro in der Freihafenstadt Shanghai eröffnet.[53]

Jardine, Matheson & Co. war nur ein Vorreiter mit ihrem Umzug nach Hongkong. Weitere große Unternehmen verlegten ihr Headquarter ebenfalls dorthin. Darunter Jardines Hauptkonkurrent Dent and Company. Hongkong wurde zum wichtigsten Ort internationaler Handelsunternehmen.[54]

Der neue Reichtum auf der Insel lockte auch Chinesen an. Doch es waren zumeist nicht die großen Händler, die dort ihre Geschäfte machten. Die chinesischen Autoritäten verhinderten dies, indem Restriktionen erlassen wurden. Es wurden vor allem die Glücksritter aus den ärmeren Regionen angezogen. In der Kolonie kam der Verdacht auf, dass die chinesische Verwaltung in Guangdong absichtlich Vagabunden und Diebe nach Hongkong abschob, um zum einen sich der Kriminellen zu entledigen und zum anderen die neue Kolonie zu destabilisieren.[55]

Daneben gab es auch in den Reihen der Europäer viele problematische Charaktere. Unter den Asienreisenden befanden sich Outlaws, Deserteure, Abenteurer und Spekulanten.[56]

Die Schattenseiten waren nicht zu übersehen. Neben der Kriminalität gab es weitere Problemfelder, die gerade die einfachen Menschen trafen. Beispielsweise der Wohnungsmangel, der durch die stark wachsende Bevölkerung auftrat.[57]

Die Skepsis war groß. Die Kolonie wurde von vielen mit Misstrauen betrachtet. „The Economist“ schrieb im August 1846:

 “Hong Kong is nothing now but a depot for a few opium smugglers, soldiers, officers and men-of-war’s men.”[58]

Robert Montgommery Martin, der Schatzmeister der Kolonie 1844/45, empfahl sogar, dass die Briten sich am besten von der Insel zurückziehen sollten.[59]

Doch die Europäer blieben und letztlich konnte auch eine andere Perspektive eingenommen und ein positives Fazit gezogen werden: In den ersten Jahren seiner Existenz als britische Kolonie schaffte es Hongkong eine boomende Wirtschaft aufzubauen. Das Kerngeschäft war das Opium. Doch daneben entwickelten sich weitere, bis heute wichtige Sektoren, wie das Versicherungsgeschäft und gut vernetzte Banken. Die Finanzgeschäfte mussten zunächst von den Handelshäusern selbst übernommen werden, da keine europäischen Banken in China aktiv waren.[60] Das war zwar zusätzlicher Aufwand und ein Risiko, aber zugleich auch eine Chance, weitere Geschäftsfelder zu erschließen und unternehmerisches Wissen aufzubauen.

Chinas Lage in der Mitte des 19. Jahrhunderts

Die Lage in China besserte sich auch zur Mitte des 19. Jahrhunderts nicht. Noch immer gab es ökonomische, soziale und militärische Probleme.

Die Bevölkerung im Land wuchs weiter schnell. Um das Jahr 1850 herum lebten 450 Millionen Menschen im Land.[61] Doch im Gegensatz zur vorherigen Wachstumsphase wuchs der Wohlstand pro Kopf nicht mehr. China stagnierte immer noch und befand sich in einem “high-level equilibrium“. Im Gegensatz zu Europa gab es wenig technische Innovationen. Investments und die landwirtschaftliche Produktivität erreichten ihre Grenze.[62] Während bis zur Jahrhundertwende der Arbeitermangel das größte Problem der Landwirtschaft war und daher mehr Menschen eine höhere Produktivität erreichen konnten, änderte sich dieses in den nachfolgenden Jahrzehnten. Mehr Bevölkerung bedeutete nun einen Wohlstandsverlust.[63]

Ökonomische Probleme führen oft zu sozialen Verwerfungen. Im Süden Chinas, rund um Guangzhou, entwickelte sich eine gefährliche Lage. Söldner aus dem 1. Opiumkrieg und die organisierten Triaden, die unter den geänderten Handelswegen litten, ließ die Bandenkriminalität in der Region ansteigen. Doch die Arbeitslosigkeit erfasste auch die breiteren Bevölkerungsschichten. Es entwickelte sich eine Abneigung gegen die Fremdherrschaft der Manchu, denen Verrat am Volk vorgeworfen wurde, da sie das Land nicht vor den Briten schützen konnten.[64]

Aus dieser Gemengelage formierte Hong Xiuquan (1813-1864) die Taiping-Bewegung, die für den blutigsten Bürgerkrieg in der Geschichte der Menschheit sorgen sollte.  Ähnlich wie viele andere, versuchte er die Beamtenlaufbahn einzuschlagen und scheiterte dabei, da er drei Mal durch die Prüfung auf Provinz-Level durchfiel. In der Stadt, in der er die geprüft wurde, kam er in Kontakt mit der christlichen Lehre. Er erhielt dort ein Buch christlicher Missionare und fand darin nach seiner persönlichen Niederlage bei den Tests eine neue Erfüllung.  Er vermischte christliche Inhalte mit eigenen Visionen. Er träumte, dass Jesus ihm mitteilte, dass er sein jüngerer Bruder sei. 1843 taufte er sich selbst und machte sich nach Guangxi auf, um eine Gefolgschaft zu bilden. Seine Predigten waren erfolgreich und viele konvertierten zu seinem Glauben. Unter ihnen viele Verlierer der damaligen Entwicklungen: Arbeiter, ehemalige Piraten und Triaden. Mit den Triaden teilte Hong die Ideen, dass „die aus dem Süden“ die wahren Chinesen seien und dass es Dämonen gäbe, die man zerschlagen müsse. Es dauerte eine Weile, doch dann wurden die Qing als Dämonen ausgemacht und im Juni 1850 rief Hong zur Rebellion auf.[65]

Die Rebellion zog sich bis 1864 hin und wuchs schnell zu einem Bürgerkrieg, der den chinesischen Süden verwüstete. Die Schätzungen, wie viele Menschen dabei ihr Leben verloren, gehen von mindestens 20 bis 30 Millionen aus. Neben der menschlichen Tragödie bedeutete die niedergeschlagene Rebellion auch einen enormen wirtschaftlichen Verlust. Die ehemaligen wohlhabenden Regionen des Südens erlebten einen Absturz. Städte wie Nanjing, Suzhou und Hangzhou wurden stark zerstört und die dort ansässige Industrie zurückgeworfen. Vor allem die Seide-Herstellung litt darunter.[66]

Doch neben diesem inländischen Konflikt, gab es weitere militärische Probleme. Die Qing mussten sich erneut gegen die westlichen Staaten wehren. Die britischen Händler waren mit den Handelsbedingungen in China noch immer nicht zufrieden: die Tee-Exporte stiegen und umgekehrt konnten englische Fertigwaren weiterhin nicht in Ostasien abgesetzt werden.[67]

Auch die Chinesen beklagten die Lage. Ihnen behagte nicht, dass sie die Ausländer nicht aus dem Land fernhalten konnten. Zusätzlich sorgte ein Übersetzungsproblem beim Vertrag von Nanking für Probleme. Während in der englischen Version der Vertrag den Briten das Recht zu sprach, die Stadt Kanton zu betreten, waren sie in der chinesischen Textfassung auf den Hafen beschränkt. Die Briten, die schon keine diplomatische Niederlassung in Peking hatten, konnten demnach noch niemals die Provinzverwaltung in Kanton aufsuchen.[68]

Ein kleiner Zwischenfall wurde schließlich zum Anlass genommen, den 2. Opiumkrieg zu führen. John Bowring, der englische Gouverneur in Hongkong, gewährte chinesischen Reedern die Möglichkeit unter englischer Flagge zu segeln, um damit ihre Loyalität zu sichern. Aufgrund einer solchen Kooperation fuhr die „Arrow“ als Schiff eines chinesischen Eigentümers, mit chinesischer Besatzung und englischen Kapitän unter britischer Flagge. Am 8. Oktober 1856 kontrollierten chinesische Polizisten dieses Schiff und verhafteten einen Teil der Besatzung. Das wäre nicht erlaubt gewesen, aber nach Aussage der Polizeikräfte war die Flagge nicht gehisst und die Zugehörigkeit daher nicht erkennbar.[69]

2. Opiumkrieg
2. Opiumkrieg: Zerstörung chinesischer Dschunken am 7. Januar 1841 (Wikimedia Commons, Public Domain).

Obwohl es in der britischen Administration Widerstand gegen einen Krieg aus einem solch nichtigen Grund gab, nutzte Bowring die Chance, die für ihn nicht ausreichenden Regelungen des Vertrags von Nanking zu korrigieren. Als die Chinesen eine Entschuldigung für ihre Übergriffigkeit verweigerten, sammelte er Truppen und attackierte Kanton.[70]

Unterstützung erhielten die Engländer von den Franzosen, die eine Flotte sandten, um den Mord an einem katholischen Missionar in der Guangxi-Provinz zu rächen. Diesen wiederum schlossen sich die Amerikaner an. Die Verbündeten eroberten Kanton im Dezember 1857.[71]

Im April 1858 drangen britisch-französische Kriegsschiffe in den Norden Chinas vor. Auch ohne eine Infanterie konnten sie durch Bombardement des Dagu-Forts in der Nähe von Peking, die Qing-Regierung zur Verhandlung zwingen. Es wurde der Vertrag von Tianjin ausgehandelt, indem alle britischen Forderungen erfüllt wurden: Der Opiumhandel wurde legalisiert, der Yangtze-Fluss durfte nun befahren werden, die Briten erhielten eine diplomatische Vertretung in Peking und es wurden neue Häfen für den Handel geöffnet.[72] Darunter waren die am Yangtze gelegenen Städte Hankou und Jiujiang, sowie Tianjin, das Tor zu Peking.[73]

Im Jahre 1860 schien das Qing-Empire dem Untergang geweiht. Mit Xianfeng regierte ein schwacher Kaiser, im Norden hatten die westlichen Mächte für Zerstörung gesorgt, im Süden hatten die Rebellen Nanjing unter Kontrolle gebracht. Eine Wende brachte das Ableben Xianfengs. Die Nachfolge trat, in Vertretung des Kaisers minderjährigen Sohnes, seine Konkubine Cixi (1835-1908) an, die bis zu ihrem Tode die Macht innehaben sollte.[74]

Sie leitete die nach ihrem Sohn benannte Tongzhi-Restauration ein. Es war die erste Modernisierung in China, die sich an westlichen Vorbildern orientierte. Der Handel mit den westlichen Ländern wurde von Restriktionen befreit und intensiviert. Besonders Shanghai sollte seinen Status als globale Handelsmetropole festigen.[75]

China sollte in den nächsten Jahrzehnten zwar immer wieder weitere Niederlagen erleben, doch der Umgang damit änderte sich. Zwar war man im Reich der Mitte noch immer von seiner kulturellen Überlegenheit überzeugt, doch man sah ein, dass man von anderen Nationen dennoch lernen konnte.

Hongkongs neue Ausrichtung

Die Legalisierung des Opiumhandels war nicht nur eine kleine Änderung im Recht, sondern es veränderte den Handel komplett.

Zuvor wurde Opium zumeist im britisch regierten Indien angebaut, mit Schiffen von britischen Reedern transportiert und in der britischen Kolonie Hongkong abgesetzt. Durch die Legalisierung war nun dieser Weg nicht mehr vorgegeben. Prinzipiell konnte nun jeder in den Handel einsteigen.

Diese Folgen des Vertrages von Tianjin hatte Alexander Matheson bereits vorhergesehen und daraus abgeleitet, dass die Hongkonger Handelshäuser dadurch ihren Wettbewerbsvorteil verlieren würden.

Nun waren Agenturen im Vorteil, die besser Netzwerke auf persönliche Beziehung aufbauen konnten. Es folgte eine „Asianisierung“ des Opiumhandels. Chinesische Händler hatten tief verzweigte Beziehungen in Festland-China, die ihre europäischen Konkurrenten so nicht aufbauen konnten. Die westlichen Kaufleute waren nicht in der Lage, in das chinesische Gildenwesen einzudringen, das die Verteilungsmöglichkeiten im Lande bestimmten. Das Opium wurde vor allem von kleineren Agenturen vertrieben, die kooperierten, um die Ausländer aus dem Markt zu verdrängen und heraus zu halten.[76]

Hafen von Hongkong (Wikimedia Commons, CC4.0, Bjoertvedt)

Umgekehrt konnten die Chinesen sehr viel einfacher die Dominanz im Seetransport von Indien nach China brechen. Weil sie einfach selbst Opium hätten kaufen können, waren sie in der Lage, von Firmen, wie Jardine oder Sassoon gute Konditionen zu erhalten.[77]

Unternehmen wie Peninsular and Oriental Steamship Company boten Linienschifffahrt an[78] und erleichterten auch kleinen Händlern, den Transport abzuwickeln.

Doch der britische Handel wurde noch härter getroffen. Denn die Chinesen begannen, selbst Opium im Land anzubauen.[79] Damit schalteten sie nicht nur die ausländischen Handelsagenturen aus, sondern auch die indische Produktion und der Absatz in der britischen Kolonie Hongkong wurden damit umgangen.

Allerdings konnte der heimische Anbau in China nicht die indische Opiumproduktion ersetzen. Die blieb mit Abstand führend. In den Jahrzehnten nach dem 2. Opiumkrieg lag der Export meistens zwischen 70.000 und 80.000 Kisten. Das beste Jahrzehnt war von 1876 bis 1885, in dem der jährliche Output bei ungefähr 90.000 Kisten lag, mit einem Allzeithoch im Jahre 1880 bei 105.000 Kisten, was umgerechnet 6.000 Tonnen rohes Opium waren. Anschließend verringerte sich die Menge, bis schließlich 1909 internationale Kontrollen den Opiumhandel stark erschwerten.[80]

Es bildete sich ein dreigliedriges System heraus. Die Großhändler kauften das Opium in großen Mengen in Indien oder bei einheimischen Produzenten in Sichuan, Yunnan oder Guichou. Diese großen Händler wurden von den Behörden nicht gestört und genossen hohen Respekt in der Gesellschaft. Die zweite Gruppe waren die großen Einzelhändler, die Geschäfte betrieben und der jeweiligen lokalen Opium-Gilde angeschlossen waren. Sie verkauften in großen Mengen an reiche Konsumenten und an Wiederverkäufer, die die dritte Gruppe ausmachten. Diese Wiederverkäufer betrieben entweder Raucherlokale oder verkauften kleine Mengen an Endverbraucher.[81]

Anhand der Exporte aus Indien lässt sich erkennen, dass der Opiumhandel auch in Hongkong noch eine wichtige Rolle gespielt haben muss. Denn die Ware von dort wurde fast ausschließlich nach China verschifft, das 95% des weltweiten Opiums aufbrauchte.[82] Die Handelsströme sind aufgrund der vielen Partizipanten und der offenen Handelshäfen nun weitaus schlechter nachzuvollziehen. Daher lässt sich der Einfluss des Opiumhandels nicht genau messen. Für das Jahr 1880 wird geschätzt, dass 45% des nach China fließenden Rauschgifts über Hongkong importiert wurde.[83] Daran lässt sich ablesen, dass der Handel noch wichtig gewesen ist. Doch während er stagnierte, bzw. rückläufig war, konnten andere Industrien die Wirtschaft weiter am Laufen halten.

Hongkong war nun in einer Situation, seine Stärke in anderen Bereichen suchen zu können. Durch den Opiumhandel hatte die Stadt im Bereich Finanzen, Versicherungen und Transport Kapazitäten aufgebaut, die eine gute Ausgangslage für alle Art von Geschäften bildeten.

Die Wirtschaft organisierte sich. Im Jahre 1861 wurde die Hong Kong General Chamber of Commerce von 62 Geschäftsleuten gegründet. Zum ersten Chairman wurde Alexander Perceval gewählt, der bei Jardine, Matheson & Co Partner war.[84]

Der Bankensektor wuchs nach dem 2. Opiumkrieg weiter. Internationale Unternehmen richteten Büros in der Stadt ein, z.B. die Chartered Mercantile Bank, die Chartered Bank of India, Australia and China und Comptoir d’Escompte. Zusätzlich wurde Hongkong 1865 Sitz des neugegründeten Übersee-Finanzdienstleister Hong Kong and Shanghai Banking Corporation (HSBC), die auch einen Schwerpunkt in der Finanzierung des regionalen Handels setzten. Ob für Dampfschiffbau, Infrastruktur oder kleinere Geschäftsprojekte, durch die neue Bank wurde das lokale Geschäftswesen gefördert.[85] Das Gründungskapital der HSBC betrug gerade einmal 5 Million Hong Kong Dollar, doch innerhalb von 20 Jahren wuchs sie zur größten Finanzgesellschaft in China mit Filialen in den meisten Freihäfen und Großstädten.[86]

Parallel zu dem Erfolg der westlichen Banken, wuchs die Nachfrage nach chinesischen Finanzdienstleister, die auf die Bedürfnisse der chinesischen Gemeinschaft besser ausgerichtet waren. Nicht zuletzt gab es eine Sprachbarriere, die das interkulturelle Banking erschwerte. Diese einheimischen Banken boten u.a. Geldwechselservices, verliehen Geld, handelten mit Gold oder führten Überweisungen aus. 1886 gab es 20 derartige Banken in der Stadt, 1890 bereits 30.[87]

Ein besonders wichtiger Faktor für den Hongkonger Handel wurden die Auslandschinesen. Im 19. Jahrhundert, das von Bevölkerungswachstum und wirtschaftlichen und sozialen Problemen gekennzeichnet war, verließen viele Chinesen ihre Heimat und suchten ihr Glück in der weiten Welt. Überall entstanden chinesische Siedlungen, ob in Thailand, Malaysia, Singapur, Indochina oder Niederländisch-Ostindien. Aber auch weiter entfernt, z.B. in Amerika. Dies führte dazu, dass der Überseehandel stark expandieren konnte. Für Hongkong war vor allem Südostasien wichtig. Von dort wurden unter anderem Reis, Gewürze, Juwelen und Meeresfrüchte importiert, aus China wurde Seide, Kräutermedizin, Erdnüsse, Öle und andere traditionelle Güter exportiert.[88]

1868 wurde in Hongkong die „Nam Pak Hong“-Gilde gegründet, die den Überseehandel professionalisierte. Hier schlossen sich die wichtigsten Händler zusammen und wählten ihre Direktoren und Manager gemeinschaftlich. Die Mitglieder hatten Zugriff auf ein großes Netzwerk an Kontakten und konnten eine Vielzahl von Finanzdiensten nutzen. Zusätzlich engagierte sich die Gilde auch im sozialen Bereich. Sie sicherte Gegenden durch eine Straßenwache und führte religiöse Feierlichkeiten durch.[89]

Diese Art des Handles wuchs rasant und sollte bis 1950 einer der Hauptpfeiler der Hongkonger Wirtschaft bleiben. Im Jahre 1876 gab es 315 solcher Kaufleute, 5 Jahre später waren es bereits 395.[90]

Generell wuchs die Zahl der Chinesen in Hongkong an. Lebten im Jahre 1841 nur 7.500 von ihnen in der Stadt, waren es im Jahre 1847 bereits 22.800 und im Jahre 1859 85.300. In der gleichen Zeit wuchs die Zahl der Ausländer nur um 1.600 Personen. Die vielen Menschen hatten Bedürfnisse, die durch einheimische Unternehmen gedeckt werden mussten. 1859 konnten 2.000 solcher Firmen gezählt werden. Davon waren 278 traditionelle Lebensmittelläden, 49 Geschäfte mit westlichen Waren, 51 Reis-Läden, 53 Schiffsbauer, 92 Zimmermänner und 116 Metallverarbeiter.[91]

Im Jahre 1880 wurden die ersten drei chinesischen Unternehmen Mitglied in der Hong Kong General Chamber of Commerce.[92]

Die Hong Kong Whampoa Dock Company war 1865 die erste Firma, die als Gesellschaft mit beschränkter Haftung (LLC) nach Hongkonger Recht gegründet wurde. Die Schiffsbau- und Schiffsreparatur-Unternehmen waren die industriellen Vorreiter, doch andere Vertreter der modernen Industrie folgten. In den 1870er wurde eine Zuckerfabrik gegründet, in den 1880er zwei Eisfabriken, ein Seilmacher- und ein Stahlverarbeitungsunternehmen und eine Zementfabrik. In den 1890er folgte eine weitere Zuckerfabrik.[93]

Im Jahre 1898 handelten die Briten mit den Chinesen die „Convention between the United Kingdom and China Respecting an Extension of Hong Kong Territory“ aus. Dort wurde ihnen das Recht zugesprochen, das Gebiet ihrer Kolonie unter Leasing-Bedingungen zu vergrößern.[94] Eine neue Phase der Stadtgeschichte begann.

 

Fußnoten

[1]  Vgl. Glahn (2016), S. 349.

[2]  Vgl. Vogelsang (2019), S. 430.

[3]  Vgl. Rowe (2012), S. 55.

[4]  Vgl. Glahn (2016), S. 350.

[5] Vgl. Trocki (2012), S. 31.

[6] Vgl. Lovell (2011), Introduction, 1%.

[7] Tsang (2011), S. 5.

[8] Vgl. Tsang (2011), S. 5.

[9] Vgl. Rowe (2012), S. 166-167.

[10] Vgl. Lovell (2011), 1. Kapitel, 6%.

[11] Vgl. Lovell (2011), 1. Kapitel, 6%.

[12] Vgl. Trocki (2012), S. 92.

[13] Vgl. Lovell (2011), 1. Kapitel, 9%.

[14] Vgl. Zheng (2005), S. 133-136.

[15] Vgl. Trocki (2012), S. 59.

[16] Vgl. Trocki (2012), S. 32.

[17] Vgl. Trocki (2012), S. 48.

[18] Vgl. Grace (2014), S. 49-50.

[19] Vgl. Trocki (2012), S. 50.

[20] Vgl. Glahn (2016), S. 361.

[21] Vgl. Glahn (2016), S. 365.

[22] Vgl. Wright (2018), S. 108.

[23] Vgl. Wright (2018), S. 109-110.

[24] Vgl. Glahn (2016), S. 373.

[25] Vgl. Lovell (2011), 2. Kapitel, 11%.

[26] Vgl. Lovell (2011), 2. Kapitel, 13%.

[27] Vgl. Trocki (2012), S. 98.

[28] Vgl. Lovell (2011), Introduction, 2%.

[29] Vgl. Lovell (2012), 4. Kapitel, 17%.

[30] Vgl. Lovell (2012), 4. Kapitel, 18%.

[31] Vgl. Carroll (2007), Kapitel: Foreign Mud: Opium and War.

[32] Vgl. Treaty between HER MAJESTY and the EMPORER of CHINA (1843), Article IV.

[33] Vgl. Treaty between HER MAJESTY and the EMPORER of CHINA (1843), Article VII.

[34] Vgl. Trocki (2012), S. 81.

[35] Vgl. Treaty between HER MAJESTY and the EMPORER of CHINA (1843), Article II.

[36] Vgl. Treaty between HER MAJESTY and the EMPORER of CHINA (1843), Article III.

[37] Vgl. Carroll (2007), Kapitel: Early Colonial Hong Kong.

[38] Vgl. Carroll (2007), Kapitel: Kapitel: Hong Kong’s Troubles.

[39] Vgl. Ngo (1999), S. 3.

[40] Vgl. Ngo (1999), S. 13.

[41] Vgl. Carroll (2007), Kapitel: Kapitel: Hong Kong’s Troubles.

[42] Vgl. Trocki (2012), S. 106.

[43] Vgl. Trocki (2012), S. 95.

[44] Vgl. Trocki (2012), S. 103.

[45] Vgl. Trocki (2012), S. 81-82.

[46] Vgl. Trocki (2012), S. 94.

[47] Vgl. Trocki (2012), S. 106.

[48] Vgl. Grace (2014), S. 123-124.

[49] Vgl. Grace (2014), S. 108.

[50] Vgl. Grace (2014), S. 113-114.

[51] Vgl. Grace (2014), S. 114.

[52] Vgl. Greenberg (2008), S. 213.

[53] Vgl. Jardines Webseite (2021).

[54] Tsang (2011), S. 56.

[55] Vgl. Carroll (2007), Kapitel: Kapitel: Hong Kong’s Troubles.

[56] Vgl. Carroll (2007), Kapitel: Kapitel: Hong Kong’s Troubles.

[57] Vgl. Carroll (2007), Kapitel: Kapitel: Hong Kong’s Troubles.

[58] Carroll (2007), Kapitel: Kapitel: Hong Kong’s Troubles.

[59] Vgl. Carroll (2007), Kapitel: Kapitel: Hong Kong’s Troubles.

[60] Vgl. Greenberg (2008), S. 152.

[61] Vgl. Rowe (2012), S. 91.

[62] Vgl. Tsang (2011), S. 4.

[63] Vgl. Rowe (2012), S. 150.

[64] Vgl. Rowe (2012), S. 186.

[65] Vgl. Rowe (2012), S. 186-187.

[66] Vgl. Glahn (2016), S. 374.

[67] Vgl. Glahn (2016), S. 375.

[68] Vgl. Carroll (2007), Kapitel: The second Opium War.

[69] Vgl. Carroll (2007), Kapitel: The second Opium War.

[70] Vgl. Carroll (2007), Kapitel: The second Opium War.

[71] Vgl. Carroll (2007), Kapitel: The second Opium War.

[72] Vgl. Tsang (2011), S. 33-34.

[73] Vgl. Glahn (2016), S. 375.

[74] Vgl. Rowe (2012), S. 202.

[75] Vgl. Rowe (2012), S. 202-203.

[76] Vgl. Trocki (2016), S. 107, S. 119.

[77] Vgl. Trocki (2016), S. 119.

[78] Vgl. Trocki (2016), S. 111-112.

[79] Vgl. Trocki (2016), S. 107.

[80] Vgl. Trocki (2016), S. 110.

[81] Vgl. Trocki (2016), S. 119-120.

[82] Vgl. Trocki (2016), S. 126.

[83] Vgl. Ngo (1999), S. 33.

[84] Vgl. Hong Kong General Chamber of Commerce Webseite (2021).

[85] Vgl. Trocki (2016), S. 60.

[86] Vgl. Mühlhahn (2019), S. 114.

[87] Vgl. Tsang (2011), S. 60.

[88] Vgl. Tsang (2011), S. 60.

[89] Vgl. Tsai (1993), S. 62.

[90] Vgl. Tsang (2011), S. 59.

[91] Vgl. Tsang (2011), S. 59.

[92] Vgl. Hong Kong General Chamber of Commerce Webseite (2021).

[93] Vgl. Tsang (2011), S. 61.

[94] Vgl. Convention between the United Kingdom and China Respecting an Extension of Hong Kong Territory (1910).

Literatur

Glahn, Richard von (2016): The Economic History of China. From Antiquity to the Nineteenth Century. Cambridge: Cambridge University press.

Grace, Richard J. (2014): Opium and empire. The lives and careers of William Jardine and James Matheson. Montreal, Kingston, London, Ithaca: McGill-Queen’s University Press. Online verfügbar unter web.a.ebscohost.com.

Greenberg, Michael (2008): British Trade and the Opening of China 1800-42. Cambridge: Cambridge University Press (Cambridge Studies in Economic History).

Lovell, Julia (2011): The opium war. Drugs, dreams and the making of China.

Mühlhahn, Klaus (2019): Making China modern. From the Great Qing to Xi Jinping. Cambridge, Massachusetts, London, England: The Belknap Press of Harvard University Press.

Rowe, William T. (2012): China’s last empire. The great Qing. Cambridge, Mass.: Belknap Press of Harvard University Press.

Trocki, Carl (2012): Opium Empire and the Global Political Economy. Hoboken: Taylor and Francis (Asia’s Transformations).

Tsai, Jung-fang (1993): Hong Kong in Chinese history. Community and social unrest in the British colony, 1842-1913. New York: Columbia University Press.

Tsang, Steve Yui-Sang (2011): A modern history of Hong Kong. London, New York: I.B. Tauris.

Vogelsang, Kai (2019): Geschichte Chinas. 6. Auflage. Stuttgart: Reclam.

Ashley Wright (2018): Global History and New Polycentric Approaches. Basingstoke: Palgrave Macmillan.

Zheng, Yangwen (2005): The social life of opium in China. Cambridge, UK, New York: Cambridge University Press.

Quellen

Convention between the United Kingdom and China Respecting an Extension of Hong Kong Territory (1910). In: Am. j. int. law 4 (S4), S. 295–296.

Treaty between HER MAJESTY and the EMPORER of CHINA (1843). In: The London Gazette, 07.11.1843, S. 3597. Online verfügbar unter https://www.thegazette.co.uk/London/issue/20276/page/3597, abgerufen am 10.3.2021.

The Jardines Group Webseite (2021). Online verfügbar unter https://www.jardines.com/en/group/history.html, abgerufen am 14.03.2021.

Hong Kong General Chamber of Commerce Webseite (2021). Online verfügbar unter https://www.chamber.org.hk/en/about/hkgcc_history.aspx, abgerufen am 19.3.2021.

 

 

 

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