Vorurteile

Die Tatsache, dass der Corona-Virus in China zuerst seine Verbreitung fand, war für viele Leute der Startschuss, die sozialen Medien und Kommentarspalten der Online-Zeitungen mit anti-chinesischen Vorurteilen zu fluten.

Das naheliegende “Chinesen essen alles” wurde schnell durch die schlechten Tischmanieren erweitert. Von da aus war man schnell bei dem asozialen, gefühlskalten Verhalten und dem Hang zu autoritärer Politik.

Mir geht es an dieser Stelle nicht darum, die einzelnen Vorurteile zu entkräften, bzw. die richtigen Punkte einzuordnen, sondern mir geht es um Selbstreflektion. Bevor jemand im Internet über Menschengruppen urteilt, sollte er zumindest seine Expertise kurz hinterfragen.

Denn die Expertise – in diesem Fall über China und seine Einwohner – ist meistens nicht sehr groß. Wenn man ab und zu Zeitungsartikel gelesen oder Fernsehberichte gesehen hat, aber weder in China war, noch je persönlichen Kontakt – außer zum Koch vom China-Imbiss – hatte, dann wird man kein besonders fachmännisches Urteil abgeben können. 

Wie würde denn umgekehrt ein genauso schlecht informierter und griesgrämiger Ausländer Deutsche beschreiben? Da wären mögliche, negative Bilder: der Nazi, der Würstchen, Sauerkraut und Bier verspeisende Wampenträger oder ein reicher, arroganter Schnösel. So etwas will doch auch keiner lesen.

Jetzt könnte einer sagen: “ich war doch auf Montage in China” oder “hier die chinesischen Touristen in Südostasien führen sich doch übel auf”. Da hat dann schon jemand Kontakt gehabt, aber wie umfassend war der denn, um vernichtende Urteile rechtfertigen zu können. Hat man, wenn man eine Fabrik in Castrop-Rauxel gesehen hat, Deutschland gesehen?

Und ja, mancher Tourist aus China führt sich in Südostasien nicht gut auf. Aber legt ihr dann den gleichen Maßstab an die Chinesen wie an die Europäer an? Und viele Kritikpunkte sind rein subjektiv. Wenn der alte Willi mit Adiletten durch den thailändischen Tempel zieht, wird er auch Leben gelassen. Er hat’s ja nicht bös gemeint.

Davon ab werden die Chinesen mit der Zeit auch immer weltgewandter.  Für viele ist das noch Neuland. Doch nun nimmt der Individualtourismus zu. Gruppen, die einen Führer mit Fahne folgen, gibt es zwar noch immer, aber in Thailand sind es mittlerweile mehr, die auf eigene Faust reisen. Einige sind sogar so eifrig bemüht, sich auf Reisen gut zu verhalten, dass sie Kurse belegen, wie man auf westliche Art speist. 

Also am besten gar nicht hetzten… sonst muss man, wenn das Gesagte jemand viel zu ernst genommen hat, Ausreden suchen,  warum man nicht Mitschuld trägt.

 

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